Kränkungen – Ursachen und Umgang

„Beleidigen Sie mich ruhig weiter, ich hätte nicht gedacht, dass sie sprechen können.“
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Es gibt nur einen Grund, warum Menschen sich gekränkt fühlen: Andere Menschen. Oder, um genauer zu sein: Das was andere Menschen tun, oder auch nicht tun. Niemand wird sich vom Winter gekränkt fühlen, weil er kalt ist. Oder von seinem Hund, weil der nicht hört. Nein, Flora und Fauna sind einfach da, ohne böse Absicht oder Hintergedanken. Der Mensch ist in Sachen Kränkungen also ziemlich einzigartig. Und begabt. Schon Jean-Paul Sartre wusste: „Die Hölle, das sind die anderen“. Wer sind sie denn nun, diese ominösen „anderen“?

Nun, da hätten wir tyrannische Chefs, Besserwisser, illoyale Beziehungspartner oder rücksichtslos eitle Selbstdarsteller, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Insbesondere den Selbstdarstellern oder Narzissten werden wir später noch etwas genauer auf den Zahn fühlen, denn ihre Zahl wächst rasant. Eins haben alle diese Typen gemeinsam: Sie lieben es sich groß zu fühlen und machen dafür andere systematisch klein. Eine der bewährtesten Methoden dabei ist die gezielte Kränkung des Gegenübers durch verbale Schläge unter die Gürtellinie. Diese ebenso simple wie brutale Strategie geht leider viel zu oft auf. Warum? Weil sich diesen Menschen niemand ernsthaft in den Weg stellt und sie in ihre Schranken verweist.

Ihr merkt schon: Hier geht es um die gezielte, absichtliche Kränkung, nicht um Verletzungen, die aus Versehen passieren. Von einer unbeabsichtigten Kränkung getroffen zu werden, kann zwar auch schmerzen, ist aber leichter zu verzeihen. Kränkungen, die mit voller Absicht erfolgen, sind hingegen nicht entschuldbar. Sie verdienen eine passende Entgegnung und manchmal auch eine treffende Retourkutsche. Aber selbst wenn wir nichts Schlagfertiges entgegenzusetzen haben, müssen wir für uns einen Weg finden, mit Kränkungen so umzugehen, dass wir sie abschütteln und hinter uns lassen können.

Wo tut es weh?

Für eine gute Abwehrposition gegenüber Kränkungen gilt es zuerst herauszufinden, wo die eigenen Schwachstellen liegen. Mit anderen Worten: Wodurch bin ich am leichtesten zu verletzen, was kränkt mich am meisten? Kommunikationsforscher der University of Texas haben bei einer Befragung von Studenten ermittelt, dass „Verrat“ und „Zurückweisung“ zu den häufigsten Gründen für eine schmerzliche Kränkung zählen. Zwei Begriffe, die wir etwas genauer unter die Lupe nehmen müssen.

Verrat gilt per Definition als Vertrauensbruch innerhalb einer vermuteten Loyalität. Das gibt es im großen Stil, man denke an Edward Snowden, von dem sich die USA verraten fühlen, und im kleinen, privaten Rahmen. Ein Beispiel: Ich gehe davon aus, dass zwischen meinem Arbeitskollegen Thomas und mir ein freundschaftliches Verhältnis besteht. Bei einem gemütlichen Feierabendbier erzähle ich ihm im Vertrauen, welche seltsamen Verhaltensweisen ich bei unserem gemeinsamen Vorgesetzten beobachtet habe und wie sehr mich diese ärgern. Er nickt verständnisvoll und gibt mir das gute Gefühl, mir „etwas von der Seele“ geredet zu haben. Zwei Tage später werde ich bei der Arbeit zum Gespräch mit dem Chef gebeten. Der macht mich zur Schnecke, weil ich angeblich hinter seinem Rücken über ihn gelästert habe. Bämm. Ich habe nur mit Thomas über den Chef gesprochen, also ist klar, woher dieser seine Informationen hat. Thomas war mir gegenüber illoyal, hat mich dadurch verraten und das tut weh. Das Beispiel lässt sich auf alle möglichen Situationen übertragen, in denen jemand, der unser Vertrauen genießt, dieses enttäuscht.

Zurückweisung kann einem in allen möglichen Lebenslagen widerfahren. Ich kann von einem einzelnen oder einer ganzen Gruppe zurückgewiesen werden. Hier braucht es kein Beispiel. Wohl jedem wird das schmerzliche Gefühl bekannt sein, das mit einer Zurückweisung einhergeht. Insbesondere in allen Situationen, bei denen Liebe im Spiel ist, kann es sehr wehtun zurückgewiesen zu werden.

Ich bin kein texanischer Student, trotzdem kann ich diese Ergebnisse aus persönlicher Erfahrung nachvollziehen. Sich verraten oder zurückgewiesen zu fühlen tut einfach nur weh. Dabei hängt der Grad der Verletzung direkt mit der Struktur der eigenen Persönlichkeit zusammen: Je weniger Selbstwertgefühl ein Mensch besitzt, desto schwerer trifft ihn eine Verletzung. Wer sich von Kränkungen dieser Art selbstbewusst abgrenzen und innerlich distanzieren kann, ist klar im Vorteil.

Was passiert wie?

Ebenso wichtig, wie die persönlichen Schmerzpunkte zu kennen, ist es, die Mechanismen und Methoden zu verstehen, die Menschen benutzen, um andere zu kränken. Daher an dieser Stelle eine Übersicht der gängigsten Muster:

Manipulation

Das Hauptanliegen manipulativer Menschen besteht darin, andere zu einem bestimmten Verhalten zu zwingen. Es geht dabei immer um Macht und zur Durchsetzung der eigenen Interessen wird oft ein Dilemma erzeugt: „Entweder machst du was ich sage, oder ich trenne mich von dir.“ Insbesondere in ohnehin schwierigen Partnerschaften sind Sätze wie dieser ein ganz übles Druckmittel.

Verallgemeinerung

Durch Generalisierung wird erreicht, dass ein Mensch als Ganzes abgewertet wird. Wenn ein Vorgesetzter sagt: „Sie kümmern sich nie um etwas“, obwohl nur ein kleines Versäumnis vorliegt, rückt das die gesamte Persönlichkeit des Betroffenen in ein schlechtes Licht.

Projektion

Bei Verbalattacken werden oft die eigenen negativen Gefühle auf den anderen übertragen. Eine Aussage wie: „Ich glaube, du kannst mich nicht leiden“ bedeutet im Grunde nichts anderes als: „Ich kann dich nicht leiden.“

Doppelbotschaften

In verärgertem Tonfall zu fragen „Wie geht es dir?“ erzeugt beim Gegenüber Unsicherheit. Auf die Gegenfrage „Warum bist du sauer?“ macht dann die Antwort „Wieso? Ich habe nur gefragt, wie es dir geht“ aus der Unsicherheit ein Gefühlschaos. Besonders in Eltern-Kind-Beziehungen sind Doppelbotschaften ein häufiger Grund für Angst, Selbstzweifel und Kränkung des Kindes.

Wolfssprache

Dieser Begriff wurde von dem US-Psychologen Marshall Rosenberg geprägt. Laut Rosenberg, einem Verfechter der gewaltfreien Kommunikation, benutzen manche Menschen die sogenannte Wolfssprache, damit ihr Gegenüber sich schlecht fühlt, ausweicht oder in eine Abwehrhaltung gehen muss. Diese Art der Kommunikation verursacht zwangsläufig gegenseitige Aggression und ist ein Garant für Kränkungen aller Art. Wolfssprache bedient sich nach Rosenberg folgender Methoden:

  • Interpretation: „Du verhältst dich so, weil…“
  • Analyse: „Wenn du das so gemacht hättest, dann…“
  • Kritik: „Das machst du falsch, das macht man…“
  • Wertung: „Du bist faul (dumm, egoistisch, naiv)…“
  • Strafandrohung: „Wenn du nicht damit aufhörst, dann…“

Sonderfall Narzissmus

Wie bereits oben angekündigt, bekommen die Narzissten ein Extra-Kapitel. Das müsste ihnen doch eigentlich gut gefallen, schließlich handelt es sich bei Narzissten um Menschen, die den Mittelpunkt der Welt in der Nähe des eigenen Bauchnabels vermuten. Hauptsache, es dreht sich alles um ihre Person. Ihr Lebensweg ist in aller Regel gepflastert mit gekränkten Seelen, gebrochenen Herzen und den sprichwörtlichen Leichen, über die sie gehen. Die Bezeichnung „schwierig“ wird ihnen nicht wirklich gerecht. Schwierig sind höhere Mathematik oder die 100 Meter unter zehn Sekunden zu laufen. „Unerträglich“ trifft es bei den meisten Narzissten wohl eher.

Das zwischenmenschliche Verhalten der sogenannten Narzissten ist von Machtdemonstrationen und Manipulationsversuchen gekennzeichnet. Damit ist die Kränkung anderer Menschen bereits vorprogrammiert. Sie besitzen nachweislich ein geringes Maß an Empathie und interessieren sich nicht für die Gefühle ihres Gegenübers. Soziologen und Psychologen zufolge bieten der gegenwärtige Celebrity-Kult und die Möglichkeit der Selbstdarstellung in sozialen Netzwerken einen besonders guten Nährboden für Narzissten. Die eigene Person supertoll zu finden ist derzeit schwer angesagt und wird auch noch von Fans und Followern gefeiert. Dabei übernehmen diese schillernden Mediengestalten die Funktion von Influencern und wecken den latent schlummernden Narzissten in Lieschen Müller und Hans Schmidt. Narzissmus wird dadurch von der psychischen Störung, die er in Wirklichkeit ist, zur gesellschaftlichen Norm und salonfähig. Das bedeutet: Es gibt immer mehr Narzissten, vor deren Verhalten es sich zu schützen gilt. Doch wie geht das am besten?

Abwehrmethoden

Komisch – die besten schlagfertigen Erwiderungen auf eine kränkende oder beleidigende Bemerkung fallen mir erst ein, wenn die Situation schon lange vorbei ist. Dann liege ich im Bett und denke „Ha, dem hätte ich das und das an den Kopf schmeißen können.“ Leider nur „können“, denn getan habe ich es nicht. Daher finde ich die Tipps des Hamburger Psychologen Valentin Nowotny sehr hilfreich. Er ist Autor des Buches „Die neue Schlagfertigkeit“, und hat sich mit dem Thema intensiv beschäftigt. Für ihn ist das Bewahren der eigenen Integrität der Dreh- und Angelpunkt einer Strategie gegen Kränkungen. Hier einige seiner Ideen in meinen Worten wiedergegeben:

Zurückspiegeln

Einen kritischen Vorwurf wie „Da fehlt dir wohl komplett der Durchblick“ einfach aufgreifen und zurückgeben: „Du scheinst dich damit ja bestens auszukennen.“ Indem man sich nicht rechtfertigt, sondern den anderen zum Thema macht, wendet man den Angriff einfach ab.

Selbstsicherheit zeigen

Wer sich klein macht, lädt andere förmlich dazu ein, auf einem herumzutrampeln. Daher: Aufrecht halten, mit lauter Stimme in klaren Worten sprechen und Blickkontakt suchen. Das reicht oft schon aus, um die meisten Attacken im Keim zu ersticken.

Leichtigkeit bewahren

Mit Humor kann man die Absicht eines persönlichen Angriffs oder einer Kränkung gut neutralisieren. Dabei kann man dem anderen zwar augenscheinlich Recht geben, seine Bemerkung aber durch eine gezielte Übertreibung ins Lächerliche ziehen. Auf den Satz „Meine Güte, herrscht bei dir wieder ein Chaos“ einfach mit „Stimmt, genau wie bei Bill Gates. Das brauchen wir einfach für unsere Kreativität“ antworten. Das nimmt dem Angreifer den Wind aus den Segeln.

Sachlich bleiben oder auf Distanz gehen

Auch bei einem unfairen Angriff gilt: Immer versuchen bei sich zu bleiben und nicht emotional zu werden. Es gibt keinen Grund, sich zu rechtfertigen, man kann auf der Sachebene bleiben. Wenn es um massive Beleidigungen oder sogar die Androhung von Gewalt geht, einfach gehen und den (momentanen) Kontakt abbrechen.

Mir persönlich gefällt in diesem Zusammenhang auch ein Satz des Dichters Art van Rheyn sehr gut:

„Beleidigen Sie mich ruhig weiter, ich hätte nicht gedacht, dass sie sprechen können.“

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