Die offizielle Definition einer Patchwork-Familie lautet: „…eine Familie, in der von unterschiedlichen Eltern stammende Kinder leben, die aus der aktuellen oder einer früheren Beziehung der Partner hervorgegangen sind“.

Tipps für funktionierende Patchwork-Familien

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Die Scheidungsrate in Deutschland hat sich in den letzten Jahren noch einmal deutlich erhöht: Annähernd jede zweite Ehe endet mittlerweile vor dem Scheidungsrichter. Bei etwa der Hälfte aller Scheidungen sind gemeinsame Kinder von der Trennung mitbetroffen. Ein Teil dieser Kinder lebt fortan mit einem alleinerziehenden Elternteil, in vielen Fällen kommt aber ein neuer Lebenspartner dazu. Dieses Familienmodell wurde lange Zeit als „Stieffamilie“ bezeichnet, heutzutage hat sich allerdings der Begriff „Patchwork-Familie“ etabliert.

Was bedeutet Patchwork?

Der Begriff Patchwork kommt aus dem Englischen und bedeutet „Flickwerk“. Den meisten unter euch dürfte der Begriff auch von den in den 1980ern so beliebten Patchwork-Decken bekannt sein. Je nach Standpunkt kann dieser Bezeichnung sowohl ein negativer als auch ein positiver Beigeschmack anhaften. Negativ, wenn man ihn nur als Beschreibung von etwas notdürftig Zusammengestückeltem versteht. Positiv, wenn man sieht, dass aus verschiedenen „alten“ Teilen etwas brauchbares Neues entsteht. Die offizielle Definition einer Patchwork-Familie lautet: „…eine Familie, in der von unterschiedlichen Eltern stammende Kinder leben, die aus der aktuellen oder einer früheren Beziehung der Partner hervorgegangen sind“. In Deutschland leben derzeit etwa 11 Prozent aller Kinder in einer solchen Konstellation, deren Zusammensetzung sich von Fall zu Fall stark unterscheidet.

Mein persönlicher Bezug

Während meiner langjährigen Arbeit als Erzieher in verschiedenen Berliner Schülerläden und Kitas hatte ich mit vielen Kindern und Eltern aus Patchwork-Familien zu tun. Neben den alltäglichen Problemen, die es in allen Familien gibt, standen diese Menschen vor der zusätzlichen Schwierigkeit, aus den neu zusammengewürfelten Familienmitgliedern eine harmonische Einheit zu bilden. Plötzlich fehlte ein Elternteil und jemand neues nahm dessen Platz ein, brachte eventuell noch eigene Kinder mit, neue „Omas und Opas“ tauchten auf, kurz: es herrschte ein Durcheinander, das vor allem bei den Kindern oft für Verwirrung sorgte. Im Rahmen einer Fortbildung habe ich mich mit diesem Phänomen näher beschäftigt. Dort wurden uns Tipps vermittelt, die wir in Elterngesprächen als Handwerkszeug zur Beratung nutzen konnten. Vielleicht gibt es auch hier Muttis und Vatis (oder Omas und Opas), die davon profitieren können.

Kurz noch vorweg

Selbstverständlich sind die Probleme einer jeden Patchwork-Familie so individuell, wie die Familie selbst. Daher erheben die folgenden Tipps keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit, sondern sind als grundlegender Leitfaden zur Orientierung in diesem facettenreichen Thema gedacht. Was in einer Familie toll funktioniert, kann woanders gründlich in die Hose gehen. Daher sollte man sich immer treu bleiben, sich nicht mit anderen vergleichen und vor allem eines: Geduld haben.

Den neuen Partner vorstellen

Für das erste Treffen von Kindern und neuem Lebenspartner gibt es keinen perfekten Zeitpunkt oder Ort. Ob es daheim oder auf neutralem Boden, beispielsweise bei einem Ausflug, stattfindet, kann nur individuell entschieden werden. Entscheidend ist es, den Kindern zu signalisieren, dass der oder die „Neue“ kein Mutter- oder Vaterersatz ist, sondern ein eigenständiger Mensch und von nun an wichtiger Teil des Familienlebens. Wer als Partner neu dazukommt, sollte offen für alle Fragen der Kinder sein und echtes Interesse an ihnen zeigen.

Die Stiefmutter

Vor allem Stiefmütter haben es oft schwer, sich in ihre neue Rolle hineinzufinden. Sie geben sich meist große Mühe eine echte Bindung zu den Kindern des neuen Partners aufzubauen und Vertrauen zu schaffen, verfallen dabei aber leicht in eine Mutterrolle. Umso größer ist die Enttäuschung, wenn das in bester Absicht gekochte Lieblingsessen von den Kindern aus Trotz gegen die „Neue“ verschmäht wird. Solche Vorfälle dürfen nicht persönlich genommen werden. Die Stiefmutter sollte lieber ein wenig mehr Distanz halten und warten bis die Kinder sich von alleine öffnen. Und nie vergessen: Eine echte Mutter (mit der niemand konkurrieren kann) gibt es schon.

Der Stiefvater

Stiefväter haben es in der Regel ein wenig leichter, da die Vaterrolle in Familien immer noch sehr flexibel ist. Zu Konkurrenzkämpfen mit dem leiblichen Vater kommt es seltener. Dafür sehen sich Stiefväter häufiger mit dem Problem konfrontiert, dass Kinder die Liebe ihrer Mutter nicht teilen wollen. Gegen diese Eifersüchteleien hilft nur, den Kindern zu zeigen, dass sie von allen Seiten geliebt werden. Mütter sollten sich zudem Zeit freihalten, die ausschließlich den Kindern gewidmet werden kann. Den Wunsch des Stiefvaters nach Mitspracherecht in Erziehungsfragen müssen die „Großen“ unter sich austragen.

Stiefgeschwister unter sich

Wenn es nicht zu schwerwiegenden Problemen kommt, sollten die Erwachsenen sich soweit es geht heraushalten (auch wenn es schwerfällt). Bis jedes Kind seine neue Position in der Familie gefunden hat, kann es immer wieder zu kleinen Machtkämpfen kommen. Es sollte jedoch von den Erwachsenen signalisiert werden, dass sie immer ein offenes Ohr für Probleme und Nöte der Kinder haben.

Stress mit dem oder der Ex

Wenn ein ehemaliger Partner die Trennung ablehnt, oder die Kinder sogar gegen den/die „Neue“ aufstachelt, kann das zu schwerwiegenden Problemen führen. Hier hilft es im Zweifelsfall nur sich professionelle Beratung und Hilfe zu suchen. Ein fachlich gut ausgebildeter Mediator ist häufig in der Lage zwischen den Parteien zu vermitteln. Grundsätzlich gilt: Immer sachlich bleiben und sich nicht in einen Streit oder Machtkampf hineinziehen lassen.

Familienfeiern

Wer feiert mit wem Geburtstage, Weihnachten, Ostern oder eine Einschulung? Das hängt in erster Linie von dem Verhältnis der beiden Ex-Partner ab. Wenn abzusehen ist, dass es zwangsläufig zu Spannungen kommen wird, sollte man auf Feiern im großen Patchwork-Kreis verzichten. Wenn alle sich gut verstehen, spricht nichts gegen Feste, bei denen alle neuen und alten Familienmitglieder zusammenkommen. Das bedarf allerdings einer absolut offenen Kommunikation im Vorfeld: Jeder sollte sagen können, was er darüber denkt und ob ihm das recht ist.

Vielleicht gibt es ja unter euch auch Patchwork-Erprobte, die in den Kommentaren ihre eigenen Erfahrungen teilen möchten. Ich bin sehr darauf gespannt. 

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3 Kommentare


7
#1
28.10.16, 17:46
dein tipp ist gewiss gut gemeint, aber ich sehe ihn als grundsätzlich sinnlos an, aus dem grund, den du bereits in dem absatz "kurz noch vorweg" nanntest. jede familie muss selbst sehen, wie sie mit der situation zurechtkommt. manchmal fallen tipps von anderen in einer ähnlichen situation auf fruchtbaren boden, während er bei einer dritten familie völlig deplatziert ist. keine patchworkfamilie gleicht einer anderen, deswegen ist es schwierig, vergleiche zu ziehen und tipps zu geben, mit denen jeder etwas anfangen kann.

meine beiden jüngeren geschwister sind von meinem vater und meiner stiefmutter. die beiden kleinen sind zauberhaft und könnten meine eigenen kinder sein. aufgrund des großen altersunterschiedes werden wir später gewiss nicht das klassische geschwisterverhältnis haben. meine kinder sind teilweise jünger als meine beiden halbgeschwister, wie sie korrekt bezeichnet werden müssten.

meine oma, die ex-schwiegermutter meiner vaters, ist für die beiden auch uroma, und sie liebt die beiden von herzen. meine eigene schwiegermutter ist für mich mehr mutter als meine eigene, während meine stiefmutter für meine kinder auch oma ist. meine mutter kennen sie nicht.

es gibt ja nicht nur wunderbare eltern, die sich scheiden lassen, sondern auch schlechte. und mit einer liebevollen stiefmutter oder einem tollen stiefvater sind die kinder recht oft weitaus besser gestellt als mit dem leiblichen elternteil und wenden sich mehr als die stiefelternteile. traurig ist es auch, wenn auch die neuen beziehungen scheitern und es wieder neue elternteile gibt. auch ich kann ein lied davon singen, dass die eigene mutter nicht die beste für ein kind sein muss. meiner stiefmutter würde ich meine kinder jederzeit blind anvertrauen, meiner eigenen mutter niemals.

meine drei älteren kinder haben von sich aus damit angefangen, den personen in ihrem umfeld namen zu geben. meine mutter ist "mamas mutter", meine schwiegermutter ist "oma". ihre stiefoma ist auch "oma", aber mit vornamen dazu. sollte meine mutter noch eine rolle in ihrem leben spielen, werde ich es meinen kindern überlassen, ob und wie sie kontakt zu ihr haben und wie sie sie nennen wollen.
1
#2
31.10.16, 20:15
Jede Patchworkfamilie ist so individuell wie seine Familienmitglieder selbst.
Ich selbst habe eine kleine Patchwork daheim. 
Meine Kinder haben sich nie als halbe Geschwister gesehen. Es sind ganze Geschwister, die für einander da sind. Da haben wir auch gar nix machen müssen. Wir haben von Anfang an gesagt, das ist dein Bruder. 
Auch die vielen Omas sind ganze Omas und niemals nicht ne halbe. Ebenso die neuen Tanten, die da kamen. Es waren sofort Tanten. 

Mein Papa hat einen "Halb" Bruder, dieser  Bruder war immer mein Onkel. Ebenso hat mein Vater immer nur von seinem Bruder gesprochen. Das Wort "Halb" kennen wir gar nicht in der Familie. Alle sind wir eine Familie. Letzte Woche mussten wir ihn leider Beisetzen. Ich habe nicht einen Halbonkel verloren, sondern den coolsten Onkel ever. Auch meine "ganzen" Tanten haben ihren Bruder sehr betrauert. 

Ich glaube, es gibt da gar keinen tollen Tipp außer einfach nur Familie sein. 
#3
27.11.16, 06:14
Schade, dass der Tipp so untergeht. Ich finde ihn sehr gut und praktikabel.

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