Was mache ich, wenn ich Zeuge einer Schlägerei werde, einen Überfall miterlebe oder beobachte, dass ein wehrloser Mensch drangsaliert wird? Wie soll ich handeln, ohne mich selbst zu gefährden?

Zivilcourage contra Verrohung

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Vor Kurzem hat eine Nachrichtenmeldung aus den USA mich sprachlos gemacht. Danach hat eine Gruppe Jugendlicher zwischen 14 und 18 Jahren einen Mann beim Ertrinken in einem Teich beobachtet und gefilmt. Das Video, auf dem zu sehen ist, wie der Mann um sein Leben kämpft, haben die Jugendlichen nach dem Vorfall auf Facebook hochgeladen. Neben den schrecklichen Bildern ist auf der Tonspur des Videos zu hören, wie die Jugendlichen den ertrinkenden Mann beschimpfen und verspotten. „Es wird dir keiner zu Hilfe kommen, du dummes Miststück. Du hättest da nicht hineingehen sollen.“

Das alles geschah der Nachrichtenagentur zufolge in Florida, einem US-Bundesstaat, in dem unterlassene Hilfeleistung keinen Straftatbestand darstellt. Einzig die Tatsache, dass die Jugendlichen den Vorfall nicht den Behörden gemeldet haben, verstößt gegen die in Florida geltenden Gesetze.

Warum schockiert mich die Nachricht dieses Todesfalls dermaßen? Eigentlich müsste sie vor dem Hintergrundrauschen der tagtäglichen Schreckensmeldungen verblassen. Der Tod ist in den Nachrichten allgegenwärtig, eingerahmt von Sport, Wetter und Lottozahlen. Nein, es ist das Verhalten der Jugendlichen, das mich so fassungslos macht, oder genauer gesagt: Ihr Nicht-Verhalten. Ich versuche mir die Situation vorzustellen. Ein Mensch ertrinkt vor meinen Augen. Ist es nicht ein menschlicher Automatismus dem Ertrinkenden zu helfen? Ein spontaner, starker Impuls? Anscheinend nicht bei jedem.

Über die Beweggründe der Jugendlichen, lieber ihr Handy zu zücken als dem Mann zu helfen, lässt sich nur mutmaßen. Wir wissen nichts über ihre Herkunft, ob prägende Gewalterfahrungen gemacht wurden oder welchen sozialen Hintergrund sie haben. Gab es eine unheilvolle Gruppendynamik oder standen sie unter Drogeneinfluss? Alles reine Spekulationen. Trotzdem ist eins klar: Ihr Verhalten offenbart einen Grad an Verrohung, der mehr als erschreckend ist.

Warum schreibe ich so etwas bei Frag Mutti, konfrontiere euch zwischen Rezepten und lustigen Lifehacks mit derart realem Horror? Zugegeben, ich habe bei diesem Thema gezögert. Aber dann habe ich gedacht: Hey, hier sind tausende sozial engagierte, diskussionsfreudige und offene Menschen unterwegs. Wenn sich all diese Menschen der zunehmenden Verrohung unserer Welt entgegenstellen, kann das etwas bewirken.

Die Wahrscheinlichkeit, dass wir als Zeuge in eine derart schreckliche Situation geraten, wie ich sie oben geschildert habe, ist glücklicherweise sehr klein. Aber ob Florida oder Castrop-Rauxel: Situationen, die unser beherztes Eingreifen erfordern gibt es überall. Dann ist eine vieldiskutierte Eigenschaft gefragt, die alle gerne hätten, von der aber kaum jemand weiß, ob er sie im Ernstfall wirklich besitzt: Zivilcourage. Der Begriff setzt sich aus den Wörtern zivil (lateinisch civilis, bürgerlich) und courage (französisch „Mut“) zusammen. Bürgermut trifft es wohl am besten.

Was bedeutet Zivilcourage?

Nach dem Politikwissenschaftler Gerd Meyer gibt es drei Formen der Zivilcourage:

  1. Sich für etwas einsetzen. Dies geschieht zumeist ohne akuten Handlungsdruck, etwa wenn sich einzelne oder eine Gruppe für den Erhalt bestimmter Normen und Werte einsetzen (Kampf gegen Radikalismus etc.)
  2. Sich wehren. Hier existiert ein akuter Handlungsdruck. Wenn zum Beispiel ein Mensch angegriffen, missbraucht oder gemobbt wird, setzt er sich zur Wehr.
  3. Eingreifen. Auch hier herrscht hoher Handlungsdruck. Zumeist handelt es sich um eine Reaktion auf eine unvorhergesehene Situation und die Bedrohung eines anderen (z.B. wenn eine Gruppe Jugendlicher einen Obdachlosen angreift).

Die meisten von uns bringen Zivilcourage wahrscheinlich mit dem dritten Punkt, also dem Eingreifen, in Zusammenhang. Doch wie greift man sinnvoll ein?

Verhaltensregeln

Um im Ernstfall nicht in eine Art Schreckstarre zu verfallen, ist es hilfreich sich im Vorfeld mit möglichen Handlungsoptionen zu beschäftigen. Was mache ich, wenn ich Zeuge einer Schlägerei werde, einen Überfall miterlebe oder beobachte, dass ein wehrloser Mensch drangsaliert wird? Wie soll ich handeln, ohne mich selbst zu gefährden? Der Moment, wenn unser Eingreifen gefragt ist, kann nicht vorhergesagt werden und verläuft niemals nach Schema F. Trotzdem gibt es eine Reihe von Verhaltensregeln, die in fast allen Bedrohungsszenarien gelten.

  • Zuerst das Opfer ansprechen. Fragen, ob Hilfe benötigt wird, oder die Polizei gerufen werden soll. Falls die Polizei schon benachrichtigt ist, erklären, dass Hilfe unterwegs ist.
  • Gezielte Täteransprache, wenn nötig. Den oder die Täter laut und bestimmt ansprechen. Dabei immer in der „Sie“-Form reden, um Distanz zu signalisieren. „Sie da, mit dem Basecap, lassen sie die Frau in Ruhe.“
  • Helfen ohne Eigengefährdung. Niemals den Helden spielen, sondern immer auf Abstand bleiben, insbesondere, wenn Waffen im Spiel sind. Viele Täter lassen sich bereits durch ein lautes Wort von ihrem Tun abhalten.
  • Mithilfe einfordern. Je mehr Menschen sich nicht wegducken, desto größer ist die Chance eine Bedrohungslage zu entschärfen. Daher gezielt Anwesende ansprechen („Sie da vorne, mit der blauen Jacke, helfen sie mir“).
  • Tätermerkmale einprägen. Je genauer eine Zeugenaussage ist, desto wahrscheinlicher kann die Polizei einen flüchtigen Täter später stellen.
  • Notruf absetzen. Entweder selbst die 110 wählen, oder gezielt jemanden dazu auffordern.
  • Dem Opfer helfen. Sich nach einem tätlichen Angriff sofort um das Opfer kümmern, es beruhigen und im Ernstfall erste Hilfe leisten.
  • Zeugenaussage machen. Unbedingt vor Ort bleiben, bis die Polizei eintrifft und eine Aussage machen.
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16 Kommentare

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#1 viertelvorsieben
17.8.17, 12:23
Thema ist okay. Gehört aber in's Forum!
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#2 GEMINI-22
17.8.17, 12:27
Kriss, das habe ich auch gesehen und war erschüttert. Hoffentlich bekommen die Jugendlichen eine angemessene Strafe dafür. Ganz schlimm sowas..
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#3
17.8.17, 13:16
Dieses Video habe ich auch gesehen und es hat mich schockiert, wie bösartig Menschen sein können. Ich sage ja immer wieder, es gibt nichts boshafteres als die Menschheit. Schrecklich ist auch, wenn man bedenkt, dass in den USA Unterlassene Hilfeleistung nicht strafbar ist. 

Sich in solchen Situationen für andere einsetzen scheint ja eigentlich logisch zu sein, dennoch haben heute viele Leute Angst selber Opfer der Täter zu werden. Ich gebe mal ein Beispiel, kürzlich hatten 3 junge Männer eine Frau nach einem Disco Besuch auf der Straße belästigt, ein Mann kam dazu und wollte natürlich helfen. Er hob sein Handy in die Luft und schrie: Polizei ist unterwegs, dann rannte er auf die Männer zu, diese hatten sich aber nicht abschrecken lassen und gingen zu dritt auf ihn los. Er kam schwer verletzt ins Krankenhaus. 
Genau diese Nachrichten schrecken oft andere Menschen ab zu helfen. 
Ich könnte nicht einfach wegsehen und würde 100% helfen, egal wie. Leider weiß man halt nicht, was dabei passiert. 
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#4
17.8.17, 15:58
Gutes Thema. Es hilft auf jeden Fall, wenn man sich im Vorfeld damit auseinandersetzt. Dann ist man in Fall des Falles vorbereitet.
Woher kommen die Tipps? Vielleicht habe ich es überlesen. Ich frage, weil ich zu dem Thema "Gezielte Täteransprache" was gegenteiliges gehört habe. Nämlich das Opfer ansprechen, ohne den Täter einzubeziehen.
Sowas wie: "hey Ute, was machst du denn hier? Lange nicht gesehen. Hast du Zeit für nen Kaffee?" Da sei die Gefahr niedriger, dass der Täter aggressiv reagiert.
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#5
17.8.17, 16:57
@Truddel: 

Du hast recht, ich habe es gerade nochmal recherchiert. Es sollte immer zuerst das Opfer angesprochen werden, der Täter nur, wenn es unbedingt notwendig ist. Das ist mir beim Schreiben durchgerutscht. Ich habe schon bei der Redaktion nachgefragt, ob das geändert werden kann. Vielen Dank für den wichtigen Hinweis.
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#6
18.8.17, 10:36
gutes Thema und sollte wirklich alle ansprechen. Da es kein medizinischer Tipp ist und eher hilft als schadet, gehört es sehr wohl in solch ein Forum hier. Jeder kann mit solch einem Gewaltpotenzial konfrontiert werden, ob als Opfer oder Unbeteiligter. Es hilft schon, wenn man dann weiss, was zu tun ist. Gerade in der heutigen Zeit vergeht fast kein Tag ohne Horrornachrichten. Es kann jeden treffen und da ist es gut zu wissen, wie man handeln sollte. Danke Chris, sehr informativ. Ich habe selbst schon Gewalt erfahren und es war niemand da, der mir geholfen hat, deshalb Daumen hoch für diesen Tipp.
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#7
18.8.17, 15:07
Heutzutage fällt man bei den Nachrichten nur noch von einer Schockstarre in die nächste, das Verhalten vieler Menschen macht Angst und man fragt sich ernsthaft, wo hier noch menschliche Werte sind. Es scheint fast so, als würde das Böse immer mehr die Oberhand gewinnen. 
Diese Meldung ist nur eine von vielen Horrormeldungen - ich erinnere mich z. B. an einen Fall, wo ein älterer Mann zusammengebrochen auf dem Boden im Vorraum einer Bank lag und haufenweise Leute achtlos an ihm vorbeigingen; soweit ich mich erinnern kann, ist der Mann auch gestorben. Ich selber habe auf der Straße schon in Notsituationen geholfen, mir selber wurde jedoch in einigen schlimmen Notsituationen nicht geholfen.Trotzdem werde ich mein Verhalten niemals ändern, denn das entspricht nun mal meinem Charakter. Diese Werte wurden mir schon von meinen Eltern vermittelt und vorgelebt.

Aber ich fürchte, das Pendel wird immer mehr in Richtung "Böse" umschlagen und der Traum von einer besseren Welt bleibt nur ein Traum. Gerade deswegen ist es wichtig, über die richtige Vorgehensweise in solchen Situationen Bescheid zu wissen und sich nicht blindlings irgendwo reinzustürzen. Das ist zwar manchmal gut gegangen, aber leider haben auch schon Menschen mit großer Zivilcourage diese mit ihrem Leben bezahlt.....
#8
20.8.17, 21:51
Ich glaube, der Tipp und die Vorstellungen unserer Community gehen zumindest in Berlin etwas an der Realität vorbei.
Auch im ähnlichen Tipp vom Jahr 2015 geht es um Gewalt am hellerlichten Tag.
Nein, heute kommen z.B. Verkäuferinnen und Kellnerinnen ganz allein nach Reinigung der Geschäftsräume 23:00 Uhr oder früh um 4 Uhr auf dem Weg in eine Bäckereifiliale  an eine Haltestelle der Straßenbahn.
Dort wird ihnen von einem einzelnen, zufällig vorbeikommenden Mann das Messer an die Kehle gesetzt. Tasche her, Handy?!!
Wer gibt da Hilfe? 
Straftäter arbeiten heute auch ",ökonomisch", allein oder maximal mit Aufpasser und möglichst in Zeiten, wo kaum jemand in der Stadt unterwegs ist.
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#9
18.5.19, 11:58
Statt den Ertrinkenden zu filmen hätten die Jugendlichen die Notrufnummer 911 wählen müssen. Mit der ersten HIlfe ist es in den USA (so verschiedene Quellen und Freunde in den USA) etwas anders. Dort gibt es keine Verpflichtung erste Hilfe zu leisten. Man kann sogar bei grob fahrlässigen Fehlern und einer Verschlechterung des (Gesundheits-)Zustandes des Verunglückten auf Schadensersatz verklagt werden. Andererseits gab es in vielen Restaurants Plakate über die Ausführung des "Heimlichmanövers" (bei drohendem Ersticken nach Verschlucken).
Hier in Deutschland gibt es leider auch oft Gaffer, die Videos machen, Ersthelfer und Rettungskräfte behindern oder sogar verprügeln.
Wir in Deutschland (und auch vielen anderen Ländern) können sehr "bequem" helfen, indem wir die Notrufnummern wählen (110 bzw. 112 - in den USA 911).
Bei unbekannter Gefahrenlage hatte ich das so auch schon ein paar mal gemacht, aber auch schon direkt eingegriffen.
(Habe eben erst bemerkt, dass das ein "Uralt-Tipp" war, der von FM wieder vorgeholt wurde. Wollte meinen Kommentar löschen, ging aber leider nicht.)
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#10
18.5.19, 13:32
@viertelvorsieben: Warum "gehört das nicht hierhin" ????
Ich denke, so eine Verrohung der Menschlichkeit gehört überall hin !! Irgendetwas lesen die Menschen und werden an dieser Story hängenbleiben - je nachdem was sie in der Lage sind zu tun auch wirklich unternehmen !
Dein Kommentar hat mich auch erschreckt !
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#11
18.5.19, 14:32
@paraiba: Das wäre schade gewesen, wenn Du Deinen Kommentar gelöscht hättest.
Das Thema ist doch immer wieder relevant und alte Tipps lese ich sowieso gerne.
#12
19.5.19, 02:18
Und ich hatte geglaubt wenn wir die Diktatur der DDR überwinden wird alles besser. Nun kläre mich mal bitte jemand auf in wie fern die jetzt-Zeit besser ist als das was damals war?i Sind kranke Menschen im Kapitalismus besser als kranke Menschen im Sozialismus?
#13
19.5.19, 12:08
@chrima2
viertelvorsieben hat FM verlassen und erhält Deinen Einwand nicht mehr.

"Warum" dieses Thema ins Forum gehört, hat damit zu tun, daß das Forum gezielt für Austausch und Diskussion gemacht ist.

Die Tips sind genau dafür ungeeignet und sollen zudem in diesem Sinne nicht mißbraucht werden.

viertelvorsieben's Ansinnen kann ich nur befürworten und gutheißen.

Ich hoffe Du kannst das nachvollziehen und den konstruktiv gemeinten Einwand nicht mehr als erschreckend empfinden.
#14
20.5.19, 19:55
Ihr habt Recht manchmal frage ich mich auch wo die Gleichgültigkeit herkommt
#15
21.5.19, 14:20
@Unwetterhasser: Welche Kranke meinst Du?
Die krank im Kopf oder die, die körperliche Beschwerden haben?
#16
22.5.19, 13:17
@Tessa_: 
Jeder Mensch der jemanden bewusst und ohne Einverständnis Schmerzen zufügt, seien es nun seelische oder körperliche, ist für mich krank und muss solange von der Gesellschaft isoliert werden bis er/sie sich wieder in normalen Bahnen zu bewegen in der Lage ist.
Sollte es keine Besserung geben muss besagte Person für den Rest des Lebens in kontrollierter Gefangenschaft vollbringen.

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