91 Prozent der Frauen sind mit ihrem Körper unzufrieden...

Bodyshaming: Spieglein, Spieglein an der Wand

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Neulich stolperte ich bei der Lektüre eines Lifestyle-Magazins (nein, kein Abo, Wartezimmer beim Arzt) über einen Begriff, den ich so nicht kannte. Als bekennender Liebhaber neuer Wörter zückte ich mein kleines grünes Moleskin-Büchlein und notierte: Bodyshaming googeln. Wieder daheim setzte ich mich an den PC und Tatsache: Der Begriff scheint frisch zu sein. Sogar so frisch, dass sich im Netz noch nicht auf eine einheitliche Schreibweise geeinigt werden konnte. Heißt es nun Bodyshaming, Body Shaming oder Body-Shaming? Der Google Translator kam nur mit der getrennten Version in Kleinschreibung zurecht. Er übersetzte body shaming mit „Körper Schande“. Oha, da machte ich anscheinend die ersten Schritte in einem Minenfeld. Ich fand auch eine Definition des Begriffs, allerdings auf Englisch. Der Translator übersetzte diesmal: „Kritik an sich selbst oder anderen wegen eines Aspekts der physischen Erscheinung.“

Ich stellte mich vor den großen im Flur und begutachtete mich kritisch. Alles okay soweit, aber Schlabbershirt und Jogginghose ließen die Grenzen meines Körpers nicht klar erkennen. Also runter damit. Nackt sah die Sache schon ganz anders aus: Von vorne immerhin noch ziemlich okay, aber im Profil? Ich weiß, dass ein Deutscher Mann ohne Bauch als Krüppel gilt, aber trotzdem… Ich beschloss, mich mit meinem Spiegelbild darauf zu einigen, dass nicht mein Bauch zu dick, sondern nur meine Beine zu weit hinten angebracht sind. Irgendwie musste ich meiner „Körper Schande“ ja etwas entgegenhalten. Ich ging ins Wohnzimmer. Meine Verlobte saß im Sessel und las. „Guck mal“, sagte ich, „fällt dir was auf?“ Sie schaute mich an. „Du bist nackt“ erwiderte sie. Ich drehte mich um 90 Grad ins Profil. „Nein, ich meine den Bauch…wie der raussteht. Das ist meine neue Körper Schande.“ Ich sah, wie ihre Augen verräterisch blitzten und verließ das Wohnzimmer. Als ich, wieder angezogen, den nächsten Google-Eintrag anklickte, hörte ich sie noch immer lachen.

„91 Prozent der Frauen sind mit ihrem Körper unzufrieden“ las ich in einem Artikel über den neuen Film „Embrace - Du bist schön“. Der von Norah Tschirner mitproduzierte Streifen setzt sich kritisch mit dem Phänomen des Body Image auseinander. Weltweit stehen laut Tschirner speziell Frauen unter massivem Druck, dem gängigen Schönheitsideal gerecht zu werden. Bei diesem wachsenden Fokus auf Äußerlichkeiten entstünden „ …zunehmend Selbsthass, Depression, Verlust von Lebenszeit, Lebenslust und Kreativität.“ Ich überlegte, wer denn die restlichen 9 Prozent der Frauen sein könnten. Hatte ich jemals eine Frau getroffen, die vollkommen zufrieden mit ihrem Körper war? Und warum überhaupt nur Frauen? Wir Männer sind doch statistisch gesehen viel häufiger zu dick: 59 Prozent der deutschen Männer zwischen 18 und 65 Jahren sind übergewichtig. Dem gegenüber stehen „nur“ 37 Prozent der Frauen. So viel zum Thema Gender-correctness.

Aber ist dick sein überhaupt noch eine Körper Schande? Oder ist es mittlerweile die zu große Nase, die zu kleinen Brüste oder eine Zahnlücke? Alles ein alter Hut, suggerieren uns die Bilder in Hochglanzillustrierten und Beauty-Channels auf Instagram. Angesagt und erstrebenswert ist die sogenannte „Thigh Gap“ (Oberschenkel-Lücke), durch die frau auch bei geschlossenen Beinen hindurchgucken kann. Völlig uncool hingegen sind „Hip Dips“ (Hüft-Vertiefungen), also kleine Dellen an den Oberschenkeln. Aha, dachte ich beim Lesen und überlegte, wann ich zum letzten Mal das Bedürfnis verspürt hatte, einer Frau nicht auf, sondern durch die Beine zu schauen. Und besteht nicht der menschliche Körper mehr oder weniger ausschließlich aus Dellen und Vertiefungen? Ich machte schnell 50 Sit-Ups gegen meine Körper Schande und setzte mich wieder an den Rechner.

Im Umfeld des äußerst ergiebigen Begriffs Body Shaming tauchte ein Name immer wieder auf: Dani Mathers. Das amerikanische Playmate des Jahres 2015 hatte in einem Fitnessstudio heimlich eine 70-jährige, nackte Frau fotografiert, das Bild ins Internet gestellt und sich darüber lustig gemacht. Bämm, geht ja gar nicht. Fanden anscheinend auch die Richter und verurteilten Dani zu einer 6-monatigen Haftstrafe auf Bewährung und 30 Tagen Sozialarbeit. Jetzt kann sie beim Graffiti-Entfernen einen Monat über Body Shaming nachdenken. Wobei – Denken scheint nicht zu ihren Stärken zu gehören.

Soweit zu meiner Recherche rund ums Thema Body Shaming. Meiner Meinung nach liegt die Wurzel dieses ziemlich üblen Zeitgeist-Phänomens in zwei Dingen: Zum einen in dem von den Medien produzierten (falschen) Schönheitsideal und zum anderen in der zutiefst menschlichen Macht der Gewohnheit, sich selbst zu vergleichen. Bin ich so dick/dünn/schön/sexy wie die Frau auf dem Cover der Vogue? Oder bei Männern: Bin ich so attraktiv/durchtrainiert/waschbrettgebaucht/sexy wie Sigmar Gabriel? Nein, Scherz beiseite. Auch wir Männer laufen Gefahr uns mit dem Idealtypus zu messen und dabei zwangsläufig den Kürzeren zu ziehen. Wie so oft in meinen Beiträgen, kommt der Tipp zum Schluss und ist kurz und knapp. Er stammt von Taryn Brumfitt, der Hauptdarstellerin des Films „Embrace“ und lautet: „Liebe deinen Körper wie er ist, er ist der einzige, den du hast!“

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