Nachdem euer Schätzchen in neuem Glanz erstrahlt, kommt die für Laien schwierige Prozedur des Saitenaufziehens.

Eine alte Gitarre wieder bespielbar machen

Jetzt bewerten:
5 von 5 Sternen auf der Grundlage von

Laut dem Verband deutscher Musikschulen steht die Gitarre auf Platz zwei der Beliebtheitsskala von Musikinstrumenten. Nur das Klavier kann die gute alte Klampfe noch toppen. Zu Recht. Eine Gitarre ist meiner Meinung nach das vielseitigste Instrument überhaupt. Mit relativ wenig Aufwand kann jeder eine Handvoll Akkorde lernen, mit denen sich unzählige Lieder begleiten lassen. Und im Gegensatz zum Klavier ist eine Gitarre leicht zu transportieren. Wer hat schon mal am Lagerfeuer einem Pianisten gelauscht? Der gesellige Aspekt einer Gitarre macht aus jeder Party, dem Grillabend oder besagtem Lagerfeuer ein unvergessliches Erlebnis. Grund genug also, die in Vergessenheit geratene Gitarre vom Speicher oder aus dem Keller hervorzukramen, um alte Kenntnisse aufzufrischen oder neue zu erwerben. Meine Erfahrung hat mich gelehrt: In nahezu jedem deutschen Haushalt existiert ein solch verborgenes Schätzchen. Vielleicht lagert es auch bei den Eltern oder den Kindern, die UNBEDINGT Gitarre lernen wollten. Damals, bevor sie ihr erstes Smartphone bekamen.

Lange in der Ecke zu stehen, macht einer Gitarre technisch gesehen nichts aus. Trotzdem sollte man ein lange nicht gespieltes Instrument einer gründlichen Inspektion und eventuell einiger kleinerer Wartungen unterziehen, um ein gut bespielbares Instrument zu erhalten. Die notwendigen Arbeiten sind auch für den Laien leicht durchführbar. Hat die Gitarre allerdings Risse oder andere schwere Beschädigungen, muss ein Fachmann ran. Dabei stellt sich die Frage der Verhältnismäßigkeit: Die Kosten einer Reparatur beim Gitarrenbauer können schnell die Anschaffungskosten einer 200-Euro-Gitarre übersteigen. Die folgenden Wartungstipps beziehen sich daher auf „ungepflegte“ und nicht auf kaputte Gitarren. Alle Angaben gelten für den am weitesten verbreiteten Gitarren-Typ, die sogenannte „Klassische Gitarre“ oder „Konzertgitarre“ mit Nylonsaiten. Hier seht ihr das Foto einer solchen Gitarre mit den wichtigsten Bezeichnungen:

Classical Guitar labelled german
von Martin Möller (Eigenes Werk) [CC BY-SA 2.0 de], via Wikimedia Commons

Bestandsaufnahme

Untersucht die Gitarre gründlich auf eventuelle Risse, die vorwiegend im Korpus auftreten. Kratzer und Lackschäden beeinträchtigen die Qualität des Instrumentes nur optisch, vergleichbar mit einer Blinddarm-Narbe. Keine Risse vorhanden? Super. Dann dreht einmal versuchshalber an einem der Wirbel der Mechanik. Sind sie schwergängig, quietschen oder lassen sich gar nicht drehen? Wenn ja, dazu später mehr. Schaut euch das Griffbrett an. Sind alle Bundstäbchen noch an ihrem Platz? Hoffentlich ja, sonst braucht ihr den Fachmann. Ob noch alle Saiten vorhanden sind ist unwichtig, denn: Einen neuen Satz Saiten müsst ihr eurer Gitarre in jedem Fall spendieren. Haltet die Gitarre der Länge nach vor euer Gesicht und schaut über den Gitarrenhals, wie über einen Gewehrlauf. Der Hals sollte gerade sein mit einer höchstens minimalen Wölbung im Millimeterbereich nach innen.

Lässt die Gitarre bei diesem ersten Check keine schweren Beschädigungen erkennen, solltet ihr euch das passende Equipment für die Reanimation zurechtlegen. Ihr braucht:

Zuerst entfernt ihr die alten Saiten. Dabei UNBEDINGT erst alle Saiten durch Drehen an den Wirbeln lockern. Auf keinen Fall die noch gespannten Saiten durchschneiden, es droht Verletzungsgefahr. Wie auf dem Foto oben zu erkennen ist, besteht die Gitarre aus drei wesentlichen Komponenten: Kopf, Hals und Korpus. Wir beginnen mit dem Pflegeprogramm am Kopf.

Kopf

Mit der Zahnbürste reinigt ihr die Zahnräder und die Schneckengewinde der einzelnen Stimmwirbel. Anschließend gebt ihr auf jede Mechanik einen Tropfen Öl und dreht solange an den Wirbeln, bis sie sich ohne großen Kraftaufwand bewegen lassen. Dann reinigt ihr das Holz des Kopfes mit einem leicht angefeuchteten Lappen und mildem Haushaltsreiniger (Spülmittel) und reibt es trocken. Abschließend behandelt ihr die Holzoberfläche mit Möbelpolitur.

Hals

Das auf den Hals geleimte Griffbrett mit den Metall-Bundstäbchen besteht in der Regel aus Hartholz. Ihr könnt bei starker Verschmutzung und korrodierten Bundstäbchen also bedenkenlos mit feiner Stahlwolle vorarbeiten. Dabei sehr vorsichtig mit wenig Druck die Bundstäbchen und das Holz der Zwischenräume säubern. Anschließend, oder bei nur leichter Verschmutzung, wischt ihr das Griffbrett und die Halsrückseite feucht ab. Nach dem Trocknen bearbeitet ihr das Griffbrett mit einem weichen Lappen und Möbelpolitur. Wer der Gitarre etwas besonders Gutes gönnen möchte, besorgt sich Lemon-Oil (von Dunlop, Fachhandel oder amazon) und verwendet es anstelle der Möbelpolitur.

Korpus

Der gesamte Korpus kann bedenkenlos mit einem feuchten Lappen und mildem Reiniger gründlich abgewischt werden. Hierbei besonders auf die Ecken und Kanten rund um den Steg und den Halsansatz achten. Auch hier ist Möbelpolitur wieder das Mittel der Wahl für das Finish. Sie ist wesentlich preisgünstiger als spezielle Gitarren-Pflegeprodukte aus dem Fachhandel und erfüllt ihren Zweck genauso gut.

Saiten aufziehen

Nachdem euer Schätzchen in neuem Glanz erstrahlt, kommt die für Laien schwierige Prozedur des Saitenaufziehens. Ihr kennt jemanden, der Gitarre spielt? Wunderbar. Bittet ihn um Hilfe und schaut ihm genau auf die Finger, während er die Saiten aufzieht. Oder ihr schaut euch ein Video-Tutorial zu dem Thema an. Ein vorbildlich gemachtes Video findet ihr hier: https://www.youtube.com/watch?v=TwEWgDGWTCw

Und nun: Viel Spaß beim Üben und Musizieren.

Von
Eingestellt am

20 Kommentare


1
#1
28.6.16, 14:01
Ich habe eine schöne alte Gitarre als Deko in einer Ecke stehen, weil niemand von unserer Familie darauf spielen kann. Ich weiss noch nicht mal wo ich sie her habe, aber sieht gut aus. Daneben steht eine Ballalaika nutzlos herum, aber ich finde beide Instrumente schön und vielleicht wollen Enkel oder Urenkel mal darauf lernen
2
#2
28.6.16, 15:47
Musik machen ist etwas so Schönes, dafür sind diese Tips sehr gut.
Herzlichen Glückwunsch nachträglich zum Geburtstag, Kriss!
#3
28.6.16, 16:03
#Maeusel

Danke, das freut mich sehr... :)
#4
28.6.16, 17:10
@Kriss: auch von mir nachträglich alles gute, vor allem du bist fast auf den Tag genau so alt wie mein 👏 Töchterlein
#5
28.6.16, 18:02
Happy Birthday.Mach öfter so gute Tips👍
#6
28.6.16, 21:29
Danke für den guten Tipp.👏 Ich spiele selber Gitarre und habe noch eine dreißig Jahre alte Konzertgitarre stehen,die aber GsD noch bespielbar ist. Nur der Klang... ich habe mich mittlerweile an meine Westerngitarre (mit Stahlsaiten) gewöhnt.Aber für die gilt der Tipp natürlich auch.😜 Aber für Anfänger ist eine Konzertgitarre mit Nylonsaiten besser geeignet,weil die weicher sind...
#7
29.6.16, 00:19
Ich habe den Tipp an den Käufer meiner kürzlich verkauften 12saitigen Tacoma-Gitarre aus den 80er Jahren weitergeleitet (Gitarrensammler) und er war beeindruckt von Deiner Auflistung!
Ich selbst kenne mich absolut nicht aus, komme mehr von der Geige, Bratsche, Querflöte und vom Klavier....... 😂
Geburtstag? Ja klar: Alles Liebe und Glückwunsch! 
#8
29.6.16, 12:38
@ alle Gratulanten:
Vielen Dank für die Glückwünsche :)

@ xldeluxe
Da hast Du ja ein echtes Schätzchen abgegeben...hoffentlich hat Dein Sammler Dir einen fairen Preis gemacht :)
5
#9
29.6.16, 20:17
@Kriss: 
Nach monatelangen Recherchen in Europa, Kontakten zu Tacoma-Foren in USA und dem Einholen von Sachverständigengutachten habe ich sie dem einen Gitarristen verkauft, der sie wertschätzt, liebt und die ihn, nach eigenen Angaben, glücklich macht.
Er nennt sie liebevoll seine Lady und reist als Dank für`s "Zusammenführen" im August zu uns, um ein kleines "Privatkonzert" auf unserer Sommerparty zu geben. Der Preis war mehr als ok und obwohl er etwas herunterhandelte, doch noch unerwartet hoch.

Dazu gibt es noch eine kleine unglaubliche Geschichte, die ich unbedingt loswerden möchte, denn es gibt sie, diese fairen und ehrlichen Menschen, die man gerne um sich hat:
2 Wochen nach dem Kauf rief er an, ob er uns besuchen könne. Natürlich konnte er. Er kam mit der Gitarre und zuerst war ich erschrocken: War was nicht in Ordnung? Ganz im Gegenteil: Er spielte komponierte Songs und gab uns eine weitere größere Summe mit den Worten: Ich habe ein schlechtes Gewissen, dass ich die Gitarre damals heruntergehandelt habe und möchte Euch das Geld zurück geben, denn sie ist es wert!

So etwas passiert nur einmal im Leben, denke ich..........
#10
1.7.16, 02:29
@ xldeluxe

Eine echt schöne Geschichte, die den manchmal schwierigen Glauben an das Gute im Menschen etwas leichter macht. Schön auch, dass Deine Gitarre (Lady) ein so gutes Zuhause gefunden hat, irgendwie sind Gitarren ja auch nur Menschen... (Meine haben zumindest alle Namen). Ich wünsche euch viel Spaß bei dem Privatkonzert im August :)
#11
1.7.16, 22:22
@Kriss: 
Lieben Dank - ich freue mich schon auf ein Wiedersehen mit der alten Lady.
#12
17.7.16, 08:39
Wichtig ist auch noch: wenn Ihr die Saiten auswechselt ... nicht alle auf einmal entfernen. Das Holz ist es gewohnt unter Spannung (durch die Saiten) zu stehen und könnte sich verziehen. Das würde man später merken, dass man die Gitarre ständig nachstimmen muss. - Darum: immer eine Saite abmachen - neue Saite drauf ziehn - nächste Saite abmachen - usw.
1
#13
17.7.16, 10:44
Gitarre spielen kann man aber nur, wenn die Finger auch schön gerade sind. Eine Cousine von mir ist sehr musikalisch,hatte unter anderem auch eine Wandergitarre und ich durfte probieren - ist dabei geblieben. Mein jüngster Sohn hat das Keyboard für sich entdeckt...
Xldeluxe : Du hast jemanden wirklich glücklich gemacht.
LG
#14
17.7.16, 11:14
@Schnuff: 
....und er mich erst, als der Rubel rollte 😂
#15
17.7.16, 14:04
# AgnesV2

Die Geschichte, dass man die Saiten nur einzeln wechseln soll, gehört ins Reich der Gitarren-Mythen. Ich habe von einem Gitarrenbauer schon vor 30 Jahren die Info bekommen, dass er bei allen Gitarren, die zur Reperatur kommen, grundsätzlich alle Saiten entfernt bevor er mit der Arbeit anfängt. 

Richtig ist: Eine Gitarre sollte nicht Monate oder Jahre ohne Saiten aufbewahrt werden, aber die Zeit eines Saitenwechsels hat keinerlei Einfluss auf den Gitarrenhals. So schnell arbeitet das Holz nicht. 

Wenn man die Gitarre zum Saitenwechsel in Fachhände gibt (Gitarrenladen o.Ä.) werden auch erst alle alten Saiten entfernt, bevor neue aufgezogen werden. Das ist ja auch die einzige Möglichkeit , den Gitarrenhals gründlich zu säubern und ggfs. einzuölen. Ich habe mir in 30 Jahren mit der Methode keine einzige Gitarre ruiniert...
#16
17.7.16, 15:19
@Kriss: Genau! Die Saiten muss man eh ab und zu erneuern, und sie altern ja alle in ähnlicher Zeit. Die Spannung hat man mit alten und neuen Saiten, und sie sollte auch gleichmäßig sein.
#17
17.7.16, 16:01
Also dass die Konzertgitarre die am weitesten verbreitete Gitarre sein
soll, möchte ich mal leicht in Zweifel ziehen. Gibt es dazu eine
Statistik? Meine persönliche Erfahrung zumindest ist das genaue
Gegenteil. Da ist die Konzertgitarre ein echter Exot, die
Stahlsaitengitarre der Normalfall. Zu dem beschriebenen Zweck (beim
Lagerfeuer/auf der Party ein paar Akkorde klampfen) ist sie ja auch
wesentlich besser geeignet als eine Konzertgitarre.
#18
17.7.16, 17:02
Als ich meine Gitarre bekam - da war ich 14 Jahre alt (heute bin ich 46 J.) - wurden immer Konzertgitarren empfohlen, weil die für Jugendliche einfacher zu spielen war ... weil die Seiten nicht so hart waren. Ich kenne von damals auch noch viele Leute, die Konzertgitarren haben (entweder unbenutzt rumstehend - oder sie spielen sie noch). Wenn es beim Lagerfeuer oder ähnlichen Situtationen etwas lauter sein soll nimmt man halt ein Plektron - damit klingt die Gitarre dann lauter. Meine Gitarre ist also nun schon 35 Jahre alt und leistet mir immer noch gute Dienste ;-)
1
#19
17.7.16, 17:28
# adgxv2000

Vielleicht habe ich mich in meinem Beitrag nicht klar genug ausgedrückt. Mit "am weitesten verbreitet" sind die Gitarren gemeint, die ungenutzt in der Ecken stehen. Also Instrumente auf denen (meistens) Kinder angefangen haben zu spielen, die dann entweder auf ein besseres Instrument umgestiegen sind, oder wieder aufgehört haben zu spielen. Und da fast alle Gitarrenanfänger auf der Konzertgitarren beginnen, gibt es logischerweise sehr viele davon.

Die Westerngitarre mit Stahlsaiten wird in der Regel von fortgeschrittenen Gitarristen gespielt, die bei der Sache geblieben sind. Deren Einsteigergitarre mit Nylonsaiten (Konzertgitarre) steht dann zumeist ungenutzt herum. Und genau um diese vernachlässigten Schätzchen geht es in meinem Beitrag.

# AgnesV2

Mit 35 Jahren kommt eine Gitarre ja gerade in ihr bestes Alter... :)
1
#20
17.7.16, 19:06
Was ich noch sagen wollte, das ist ein wirklich guter, ausführlicher Tipp, und der Viedoe-Link ist auch super! Danke!

Verfasse einen Kommentar

Emojis einfügen