Gespräch mit Trauernden bzw. Angehöriger Schwerkranker

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Immer wieder hört man von Trauernden, die gerade einen nahe stehenden Menschen verloren haben, dass sie zusätzlich zu dem Verlust des geliebten Menschen auch einige Freunde verloren haben. Gerade wenn man besonders trostbedürftig ist, ziehen sich viele zurück. Das mag daran liegen, dass viele nicht wissen, wie sie mit der Situation umgehen sollen, bzw. was man sagen soll. War es vorher so einfach, ein Gespräch zu beginnen mit der Frage "Wie geht es Dir?" oder wenn man sich auf der Straße trifft "Alles klar?", sind diese Fragen jetzt vielleicht unangebracht. Deshalb sagen viele lieber nichts.

Nur Mut, lasst die Betroffenen nicht gerade jetzt alleine, gerade jetzt braucht man seine Freunde/ Bekannten usw. mehr denn je. Keiner erwartet, dass man perfekt ist! Versucht es einfach; man kann ein Gespräch z.B. beginnen mit der Frage "Was machst Du gerade?" oder einfach sagen "ich denke gerade an Dich". In der Regel erzählt der/die Trauernde gerne von sich selber bzw. von dem Verstorbenen.

Dasselbe gilt auch für Angehörige von Schwerkranken, auch da ziehen sich oft die Freunde zurück, da sie nicht einschätzen können, ob man überhaupt willkommen ist, ob derjenige sich unterhalten mag oder sich lieber zurückzieht. Eine Freundin von mir hat das Problem bei ihrer Nachbarin, die ihren schwerkranken Mann zu Hause pflegt, folgendermaßen gelöst: sie hat angeklingelt mit einem Kuchen in der Hand und gefragt: "möchtest Du den Kuchen lieber alleine essen oder mit mir zusammen?" Die Nachbarin hat sich für letzteres entschieden und erinnert sich heute noch gerne an die nette Geste und das nette Gespräch.

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17 Kommentare


6
#1
17.5.12, 23:42
Ich finde Deine Hinweise gut, aber ich glaube man braucht doch noch eine Portion Mut dazu, eben weil man nicht weis wie der Betroffene reagiert. Aber ich gebe Dir recht man sollte es versuchen und die Betroffenen nicht allein lassen.
Danke für den Anstoss
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#2
18.5.12, 07:04
Ich kann nur aus eigener Erfahrung bestätigen, dass es auch in solch schwieriger Situation sehr gut tut, wenn man von Freunden, Bekannten und Nachbarn angesprochen wird.
Wenn man gerade keine Zeit zum Reden hat, dann ersucht man ohnehin um Verständnis, aber in der Regel lenkt es einen auch ein wenig ab vom eigenen Kummer und das Gefühl der Anteilnahme der Anderen an seinem Schicksal ist auch sehr trostreich.
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#3
18.5.12, 08:53
Ja, es tut gut, wenn die Trauernden spüren, daß ihre Trauer von anderen geteilt und auch verstanden wird. Eine spontane Umarmung einer Nachbarin ist meiner Mutter heute noch in Erinnerung, als sie die Todesnachricht ihres Vaters bekam - vor vielen, vielen Jahren. Man kann auch ruhig offen sagen, "ich weiß gar nicht, was ich sagen soll - es ist so traurig und ich denke so viel an euch", das reicht. Man braucht keine klugen Worte oder pseudo-trostreichen Ausführungen. Ein bißchen Wärme und Mitgefühl reichen schon sehr weit.

Noch wichtiger: auch nach langer Zeit können Trauernde noch sehr leiden. Wenn die Umwelt dann davon ausgeht, "na, die müssen jetzt aber drüber weg sein", kann das sehr wehtun. Den Verlust eines Kindes oder geliebten Partners verwindet man nie. Auch nach Jahren kann die Wunde entsetzlich schmerzen. Wer dafür Verständnis hat und nicht in seinem Verhalten zu verstehen gibt "genug mit der Wehleidigkeit" (wie es tatsächlich manchmal geschieht), der tut dem Gegenüber einen riesigen Gefallen. Diese Gefühle sind nicht kontrollierbar, und die Umwelt sollte das akzeptieren und ihnen Raum geben.

Manche Leute zB haben kein Verständnis für Unglücksfälle, die ihnen selbst nicht zugestoßen sind - Frauen, die um eine Fehl- oder Totgeburt trauern, können davon ein Lied singen. Wie oft hören sie, "na ja, in einem Jahr hast du ein neues Kind" oder "es war doch ncoh kein richtiger Mensch" oder so. Manche Taktlosigkeiten machen einen sprachlos. Solche Aussagen trösten nicht, sie tun weh, weil sie das verstorbene Kind praktisch auslöschen. Drum sollte man sie sich verkneifen und die Trauer der Eltern respektieren, nicht verkleinern, auch wenn man es eigentlich gut meint.

Es tut Hinterbliebenen auch oft sehr wohl, wenn man ihnen Dinge vom Verstorbenen erzählt, die sie nicht wissen. Das macht den Toten ein bißchen lebendig, wenn man neue Informationen über ihn bekommt, eine Geschichte hört, die man noch nicht kannte.

Wenn Trauernde oder Schwerkranke ein Gespräch ablehnen oder nicht führen können, sollte man nicht beleidigt sein, sondern dem Gegenüber das Gefühl geben, daß man Verständnis hat und ihn nicht verurteilt. Da muß man das eigene Ego hintanstellen.

Elisabeth Kübler-Ross´ Bücher über den Prozeß der Trauer sind sehr gut und haben mir viele Erkenntnisse gebracht.

Sorry für den Roman, aber das Thema liegt mir gerade aus persönlichen Gründen sehr am Herzen.
8
#4
18.5.12, 10:39
Vielen Dank für diesen tollen, verständnisvollen und sehr sensiblen Tipp. Das spricht mir aus dem Herzen und geht zu Herzen. Der beste Freund meines Mannes hat ein Kind durch den plötzlichen Kindstod verloren. Er kann heute noch nicht wirklich darüber sprechen, bezeichnet es als "die traumatischste Situation meines Lebens". Ein Jahr darauf zerbrach seine Ehe. Jetzt ist er wieder verheiratet, ein Sohn ist bereits zwei Jahre alt, das zweite Kind ist unterwegs, aber die Angst um seine Kinder lässt ihn nicht los. Auch er musste die schmerzliche Erfahrung machen, dass man durch einen Trauerfall im engsten Familienkreis viele Freunde verliert. Ich muss jedoch leider sagen, dass Freunde, die einen in einer schlimmen Situation im Stich lassen, weil sie sich kein Herz fassen und auf den Trauernden zugehen können, keine wirklichen freunde sind. Wahre Freunde lassen keinen Freund im Stich.
Und wie du schon sagtest: auch einige von seinen alten Kumpel können gar nicht begreifen, dass er nicht mehr so ist wie früher, denn "sein Selbstmitleid muss er jetzt doch mal überwunden haben. Er hat ja wieder ein Kind!" Solche Aussagen machen mich ganz krank vor Wut. Als ob man ein Kind durch ein anderes ersetzten könnte.
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#5 Icki
18.5.12, 10:57
Danke für diesen Text, ich scheue mich auch immer vor der Frage: "Wie geht es dir?", weil ich mir dann denke: "Dummkopf, kannst du dir doch vorstellen!". Ein etwas unverfänglicheres "Was machst du gerade?", um erstmal zusammenzukommen ist da einfacher.

Zumal ich auch häufig befangen bin, wenn ich nicht genau weiß, was die Person hat, zum Beispiel wusste ich mal von einer bekannten nur, dass sie "schwer krank" ist, wir kannten uns nur so mittelgut, deswegen traute ich mich nicht, genauer zu fragen, bin aber bei den Besuchen, die ich ihr abgestattet habe, immer sehr geschwommen.

Bei guten Freunden habe ich übrigens die Erfahrung gemacht, ist es leichter, wenn da jemand viele heftige Mediamente kriegt, rutscht mir dann auch mal ein "Ohje, da rennst du sicher dauernd zum Klo!" raus und der Gegenüber lacht und nickt. Aber sowas sag ich ja nicht zu einer Nachbarin oder so.
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#6
18.5.12, 15:41
Ich möchte sagen, daß alle Beiträge mir aus dem Herzen sprechen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, und kann es auch anderen Menschen sagen, die einen Menschen verloren haben, "der Schmerz und die Trauer werden nie vergehen, aber der Schmerz wird weicher". Ich konnte viel reden, und Freunde erkennt man daran, daß sie da sind. Heute kann ich selbst auf Menschen zugehen, habe keine Scheu zu reden.
1
#7
18.5.12, 16:58
Ich kann nur Hildegards Worten zustimmen. Einfach mal viel mutiger sein auf Hinterbliebene zugehen. Sie einfach an der Hand nehmen oder Umarmen. Man braucht nicht viel zu sagen...
Ich kann auch auf Menschen zugehen und habe keine Scheu davor. Nur Mut!!
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#8 Kaari
18.5.12, 19:32
meine Erfahrung ist auch das es gut ist auf die zuzugehen die eine schwere Zeit haben.
Im vorletzten Jahr hörte ich von einem früheren Kollegen der an Demenz erkrankt war. Das ging mir nahe denn wir hatten uns sehr gut verstanden, leider mochten seine Frau und ich uns nicht so. Trotzdem habe ich sie angerufen, erfahren das mein früherer Kollege inzwischen in einem Heim für Demente lebt. Seine Frau freute sich riesig das ich anrief, klagte das die früheren Kollegen sich nicht melden.
Einige Wochen später reiste ich in meine alte Heimat, die 400 km entfernt ist und besuchte den Kollegen, zusamen mit seiner Frau.
Das Leuchten in den Augen werde ich nie vergeßen, wir hatten uns fast 35 Jahre nicht gesehen, wie hat sich dieser Mann gefreut und mich auch wiedererkannt. Seine Frau ging Kaffe holen, ich nahm meinen alten Kollegen derweil bei der Hand und ging mit ihm in`s Besucherzimmer. Er strahlte mich an und vertraute mir wie ein Kind! Hatte richtig einen Kloß im Hals.....knapp ein halbes Jahr später verstarb er und seine Frau und ich halten Kontakt.
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#9 Pitz
18.5.12, 22:33
Als wir Vater und Ehemann loslassen mussten, waren einfühlsame Worte und Interesse von Erbauung.
Wie ich es auch kennen gelernt habe, ein Trost. Vor allem von älteren Verwandten, die ich eigentlich nicht mehr so zuzuordnen wusste, aber eine Erinnerung an frühere Zeit kam.
Hast Du gut ausgedrückt, Ollksi. Was ich an den Beerdigungs-Zeremonien cool abgelehnt hätte, war es im Augenblick der Bestattung und Trauer eine liebevolle Zuwendung, als ich erlebte, wie mich Großtanten drückten, an die ich auf einmal eine Erinnerung an eine liebevolle Kindheit bekam, deren Lebensbekanntschaft sich im Laufe meines Lebens und Berufserlebens verlor. Haben Mut und Herzlichkeit die Mädels. Hätte vielleicht vorher schon näher Kontakt zu ihnen haben müssen.

Viele liebe Grüße Pitz
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#10
19.5.12, 19:32
Mein Mann ist an Alzheimer erkrankt. Als er gesund war, waren wir oft und gerne eingeladen, weil wir "Stimmung" machten. Jetzt, wo er nicht mehr sprechen kann und nur ich ihn verstehe, sind all die damals ach so fröhlichen Menschen fort.
Mittlerweile bin ich nicht mehr vergrämt, sonder einfach nur ganz traurig!
Aber ich schaffe das auch alleine!!!
#11
19.5.12, 20:02
@hermine1: hast eine PM von mir!

Lieben Gruß...IsiLangmut
#12
19.5.12, 20:45
Liebe IsiLangmut, vielen Dank!
kannst Du mir bitte die Abkürzung erklären?

Danke!
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#13
19.5.12, 20:57
Kaari, ich hab Deinen Kommentar gelesen und kann Dir aus Erfahrung sagen, dass sogar schwer demente Menschen, und gerade die, unheimlich viel an Liebe und Zuneigung zurückgeben. Das drückt sich ganz viel in einem Lächeln oder einem Händedruck aus. Ich habe das Glück, dass mein Mann unheimlich gedulig, freundlich und liebenswert ist. Wie ein glückliches Kind.Ich wünsche mir so sehr, dass er in seiner jetztigen Welt zufrieden und glücklich ist, das wäre der einzige Lohn den ich mir wünschen würde!
#14
19.5.12, 21:18
Kaari, ich hab Deinen Kommentar gelesen und kann Dir aus Erfahrung sagen, dass sogar schwer demente Menschen, und gerade die, unheimlich viel an Liebe und Zuneigung zurückgeben. Das drückt sich ganz viel in einem Lächeln oder einem Händedruck aus. Ich habe das Glück, dass mein Mann unheimlich gedulig, freundlich und liebenswert ist. Wie ein glückliches Kind.Ich wünsche mir so sehr, dass er in seiner jetztigen Welt zufrieden und glücklich ist, das wäre der einzige Lohn den ich mir wünschen würde!
#15
20.5.12, 14:47
Liebe @hermine 1: PM = private message (Private Nachricht); hast Du in Deinem Posteingang bei FM.- Schau mal da rein.

Liebe Grüße...IsiLangmut
#16 kirschtomate
23.4.13, 22:51
Ich gebe dir fast 100%ig Recht :) Als Betroffener möchte man nicht alleine gelassen werden! Man möchte eigentlich ganz normal behandelt werden! Man will auch nicht ständig reden oder getröstet werden. Manchmal will man auch einfach nur abgelenkt werden :)
#17 frangenpedra
16.9.14, 14:51
@Marizzebill: nr 3

hm ja, oder nach dem toten kind (wir haben noch ein anderes)

"vielleicht war es ja besser so, wäre evtl behindert gewesen oder euch zu viel (sind leider nicht mit geld gepudert)"

hatte mich damals, schon jahre her, sehr verletzt von einer verwandten person. hab ich ihr mittlerweile rückgemeldet. damals hatte es mir die sprache verschlagen. schon schlimm genug, wenn man das selber denkt.

leider hat nicht alles im leben "einen sinn", und an 'manchem' leid ist "keiner schuld", und zur trauerbegleitung gehört auch, das stehen lassen zu können auch wenn es weh tut.

aber es ist wirklich nicht leicht, BEI ZU STEHEN, weil es einen selbst, seinen sinn im leben in frage stellt, und die eigene endlichkeit und damit oft ängste wachruft.

drum auch von mir danke für eure worte, denkanstösse.

petra

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