„Ein Kompliment ist die charmante Vergrößerung einer kleinen Wahrheit.“ - Johannes Heesters

Komplimente machen: Topfschlagen im Minenfeld

Voriger Tipp NĂ€chster Tipp
Jetzt bewerten:
4,2 von 5 Sternen auf der Grundlage von

Komplimente sind meistens eine feine Sache. Wobei hier die Betonung ganz klar auf meistens liegt. Im günstigsten Fall bescheren sie mindestens zwei Menschen ein gutes Gefühl. Dem, der das Kompliment macht, die Gewissheit seinem Gegenüber eine Freude zu bereiten. Und dem, der das Kompliment bekommt, das wohlige Bewusstsein wertgeschätzt zu werden. Wer aber schon einmal durch ein gemachtes Kompliment mit Karacho in ein Fettnäpfchen getreten ist weiß, dass nicht jede gutgemeinte Äußerung auch so ankommt.

Neulich bin ich auf dem Tauentzien bei der Suche nach einem neuen Paar Sneakers in einem ziemlich hippen Laden gelandet. Streetwear, Skateboards, Basecaps, das ganze Programm für Leute bis 25. Eigentlich kein Problem für mich, obwohl ich die 25 jetzt schon zweimal auf der Lebensuhr habe. Dieses Kein-Problem-Gefühl hielt an, bis mich eine Verkäuferin ansprach: „Na junger Mann, kann ich ihnen helfen?“ Ich schaute mich um. Der Laden war voller Teens und Twens, die durcheinander wuselten, Sachen anprobierten und mit ihren Smartphones Selfies machten. Niemand hatte eine beratende Verkaufskraft im Schlepptau. Sah ich so hilflos aus, dass die Verkäuferin mich aus Mitleid angesprochen hatte? Und was war das mit dem „jungen Mann“? Wenn eine Frau jenseits der 70 mich so anspricht, geht das schon in Ordnung. Aber eine Verkäuferin, die meine jüngste Tochter sein könnte? Irgendwie machte mich dieser als Kompliment getarnte Satz wütend. Etwas in meinem Gesicht veranlasste die junge Frau einen Schritt zurückzuweichen. Ihr Blick flackerte unsicher. „Nein danke“, antwortete ich „wie ich sehe führen sie keine orthopädischen Schuhe.“ Ich verließ den Laden ohne Sneakers. Bin ich zu empfindlich? Oder kann ich mit Komplimenten einfach nicht umgehen?

Diese kurze Episode soll nur zeigen, wie immens wichtig es für ein gelungenes Kompliment ist, dass das Gesagte und die realen Bedingungen in einem schlüssigen Verhältnis zueinander stehen. Dazu fällt mir Saywer ein, der Womanizer aus der legendären TV-Serie „Lost“. Er ist davon überzeugt, dass es drei Dinge gibt, die ein Mann seiner Frau regelmäßig sagen sollte, wenn er mit ihr in Frieden leben will. Erstens: „Genau“. Zweitens: „Es tut mir leid“. Drittens, und laut Saywer am wichtigsten: „In dieser Hose sieht dein Hintern fantastisch aus.“ Im Film funktioniert das, aber im wirklichen Leben? Ich habe das Kompliment mit dem Hintern einem Praxistest unterzogen. Meine Verlobte war entzückt. Was aber mit Sicherheit daran lag, dass sie sich gerade mit ihrer neuen Jeans im Spiegel begutachtete. Hätte ich ihr das gleiche gesagt, während sie in ihrer Schlabber-Jogging-Haushose die Wäsche aufhängt, wäre ihre Reaktion mit Sicherheit mehr irritiert als erfreut ausgefallen. Was schließen wir daraus? Neben dem logisch richtigen Verhältnis zwischen Gesagtem und Wirklichkeit ist auch das Timing eines Kompliments von entscheidender Bedeutung.

Johannes Heesters, der unvergessene Grandseigneur, hat einmal gesagt: „Ein Kompliment ist die charmante Vergrößerung einer kleinen Wahrheit.“ In meinen Augen ein sehr weiser Satz, der das Wesentliche eines guten Kompliments auf den Punkt bringt. Was er voraussetzt, ist ein echtes Interesse am Gegenüber. Nur wenn ich genau hinschaue, entdecke ich die „kleine Wahrheit“ an einem Menschen und damit die Grundlage für ein echtes Kompliment. Womit wir die perfekte Überleitung zum Punkt „Echtes Kompliment vs. Fake-Kompliment“ haben. Ich kenne eine Reihe von Amerikanern hier in Berlin, die ich immer wieder mal auf den Partys gemeinsamer Bekannter treffe. Nach dem zehnten „Ohh, you look soooo beautiful tonight“, das sie irgendwem an den Kopf donnern, glaube ich ihnen kein Wort mehr. Bitte nicht missverstehen: Ich mag die amerikanischen Freunde meiner Freunde von Herzen gern, aber das inflationäre um-sich-schmeißen mit Floskeln finde ich grauenhaft. Warum das gerade unter Amerikanern anscheinend zum guten Ton gehört ist mir ein Rätsel. Und das ausgerechnet in Berlin, wo der Ur-Berliner sich mit Komplimenten eher schwertut. In der Hauptstadt ist ein kerniges „So scheiße siehst du heute ja gar nicht aus“ durchaus als Kompliment zu verstehen. Das ist für Neuberliner gewöhnungsbedürftig, aber erfrischt durch seine raue Herzlichkeit.

Ach ja, noch in eigener Sache: Mir ist bei Frag Mutti ja schon des Öfteren das zweifelhafte Kompliment gemacht worden, meine Tipps seien so herrlich tippfrei. Also werde ich mich auch bei diesem Beitrag daran halten und nicht mit einem Tipp, sondern einem Kompliment schließen: Ihr seid ganz tolle Leser, wenn ihr bis hierhin durchgehalten habt. Ehrlich.

Von
Eingestellt am
Du kennst auch Haushaltstipps & Rezepte?
Jetzt auf Frag Mutti veröffentlichen
Themen: Ente

58 Kommentare

Emojis einfĂŒgen

Ähnliche Tipps

Mitmenschen etwas gutes tun - Komplimente verschenken

Mitmenschen etwas gutes tun - Komplimente verschenken

11 20
Bodyshaming: Spieglein, Spieglein an der Wand

Bodyshaming: Spieglein, Spieglein an der Wand

33 55
Ideen für den Kindergeburtstag: Retro!

Ideen für den Kindergeburtstag: Retro!

21 8
Outdoor-Party- und Geburtstagsspiele für ältere Kinder

Outdoor-Party- und Geburtstagsspiele für ältere Kinder…

7 6
6 Tipps für einen stressfreien Kindergeburtstag

6 Tipps für einen stressfreien Kindergeburtstag

16 7

Ganz einfach superschöne Locken

10 15
Fruchtige Raffaelo-Schnitte für den Sommer

Fruchtige Raffaelo-Schnitte für den Sommer

6 5
Haare selber perfekt schneiden

Haare selber perfekt schneiden

22 27

Kostenloser Newsletter von Frag Mutti