Wir leben in Zeiten des Selbstoptimierungs-Wahnsinns. Für alles, was von der Gesellschaft als Makel definiert wird, gibt es Ratgeber, Programme, Produkte oder Workshops...

Mir doch egal, ich lass das jetzt so...

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Hallo, hier spricht euer Text. Bevor ihr mich lest, möchte ich noch etwas in eigener Sache sagen. Hier, zwischen den ganzen Tipps für Küche, Haushalt, Gesundheit und sonstigen Lifehacks, fühle ich mich fast ein wenig fremd. Mir fehlen die Mengenangaben eines Rezepts und die eindeutige Anweisung „So wird’s gemacht“. Echte Tipps werdet ihr bei mir nicht finden. Der aufmerksame Leser kann sich höchstens ein paar Gedankenanstöße von mir erhoffen. Mein eigentlicher Daseinszweck ist es, euch zu unterhalten. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Wer sich damit zufriedengibt, ist herzlich eingeladen weiterzulesen. So, und jetzt lasse ich mal meinen Schreiberling ran…

Ein kleiner Diskurs zum Thema Makellosigkeit

Neulich in der U-Bahn saß mir ein junger Mann gegenüber, auf dessen T-Shirt in fetter, neongelber Schrift zu lesen war: MIR EGAL, ICH LASS DAS JETZT SO. Na toll, dachte ich bei mir, schon wieder einer von dieser Alles-Egal-Generation. Hauptsache Party und dann bloß schnell die nächste Sintflut. Ich versuchte mich wieder auf mein Buch zu konzentrieren, doch der T-Shirt-Spruch drängte sich immer wieder in den Vordergrund. „…ICH LASS DAS JETZT SO.“

Meine Gedanken wanderten zu einem Nachmittag im letzten Herbst: Mittags war die lang ersehnte Lieferung vom schwedischen Instantmöbelhaus gekommen und nun saß ich auf dem Fußboden meines Wohnzimmers und sortierte Schrauben nach ihrer Größe. Kaum zu glauben, aus wie viel Teilen ein simples Bücherregal besteht. Nach dem vergeblichen Versuch mir schnell eine dritte Hand wachsen zu lassen, machte ich mich an den Aufbau. Berliner Altbauwohnungen sind in der Regel schön, aber vor allem eins: alt. Die Holzdielen meines Wohnzimmers hatten irgendwann zwischen dem zweitem Weltkrieg und dem Mauerfall die Form eines flachen Suppentellers angenommen. Wenn ich eine Murmel in der Zimmerecke auf den Boden lege, rollt sie zügig in die Zimmermitte. Das stört im Alltag nicht weiter, fängt aber an zu nerven, wenn man ein Bücherregal aufbauen will. Egal unter welches Regalbein ich zusammengefaltete Pappstücke schob, lotrecht und rechtwinkelig wurde die ganze Konstruktion nicht. Die Wasserwaage diagnostizierte „geht gar nicht“, das Auge meinte „naja, ein bisserl schief ist’s schon“. Irgendwann beschloss ich: ICH LASS DAS JETZT SO. Nach dem Einräumen des Regals wertete ich es als Teilerfolg, dass keines der Bücher herausfiel.

Warum ich das erzähle? Nun, ich denke, dass diese Geschichte eine schöne Versinnbildlichung des ewigen Konflikts zwischen Perfektionismus und den äußeren Gegebenheiten ist. Der kleine Erbsenzähler in mir wollte unbedingt ein gerades Regal, der schiefe Fußboden wollte ein schräges Regal. Herausgekommen ist ein Kompromiss, mit dem wir beide gut leben können. Mittlerweile mag ich mein Regal sogar dafür, nicht so ganz gerade zu sein. Seltsam, aber wahr. Lässt sich das nicht wunderbar aufs große Ganze, also das Leben übertragen? Sind es nicht gerade die kleinen Makel, die Dinge und Menschen erst liebenswert machen? Reine Schönheit ohne jeden Fehler ist maskenhaft und wirkt leblos. Es gibt da eine Schauspielerin, deren Name mir gerade entfallen ist. Sie ist wirklich schön, fast schon zu perfekt. Aber wenn sie den Mund öffnet, zeigen sich zwei nicht ganz ebenmäßige Schneidezähne, die etwas schief stehen. Und genau dieser kleine Makel lässt ihre Schönheit lebendig und greifbar werden. Zum Glück war sie klug genug keinen Zahnarzt daran herumpfuschen zu lassen.

Fakt ist: Wir leben in Zeiten des Selbstoptimierungs-Wahnsinns. Für alles, was von der Gesellschaft als Makel definiert wird, gibt es Ratgeber, Programme, Produkte oder Workshops. Hier sollen die Kilos purzeln, da soll die Life-Work-Balance verbessert werden und die Gesichtshaut sollte natürlich auch jünger aussehen als die der eigenen Kinder. Verrückt, aber noch viel verrückter ist es, wie viele Menschen ihr Leben davon bestimmen lassen. Ich habe mittlerweile mit der Tatsache Frieden geschlossen, dass ich doch eher einen Waschbär- als Waschbrettbauch habe. Das war auch nicht ganz ohne, aber irgendwann habe ich mir gedacht: Ich lass das jetzt so, ich muss mich nicht mit Training zu etwas quälen, das mir die Natur nicht gegeben hat. Wofür? Um im Strandbad am Wannsee zu posen? Ich kann nur jedem empfehlen: Macht euch eure kleinen Makel und Schwächen, eure Ecken und Kanten zu Freunden – es lebt sich sehr viel entspannter.

Ach ja: Falls sich der junge Mann mit dem T-Shirt aus der U-1 an den Typen ihm gegenüber erinnert (der mit dem Waschbärbauch und dem Buch in der Hand): Vielen Dank für den Gedankenanstoß.   

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