Das Berliner Modell ist ein bindungsorientiertes Konzept, das die Bindung des Kindes zu den Eltern und dem Erzieher in den Mittelpunkt stellt. Es ist in mehrere Phasen unterteilt und an den Bedürfnissen des Kindes orientiert.

Sanfter Kita Einstieg mit Berliner Eingewöhnungsmodell

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Das Recht auf Betreuung

Seit August 2013 hat jedes Kind in Deutschland ab dem vollendeten ersten Lebensjahr einen rechtlichen Anspruch auf einen Betreuungsplatz in einer Kindertagesstätte (Kita). Soweit die Theorie. Wie sich dieser Anspruch in der Praxis realisieren lässt, ist eine andere Frage. Welche Entfernung bis zur Kita gilt als „noch zumutbar“? Was, wenn der pädagogische Ansatz der (rechtlich) in Frage kommenden Kita einem nicht zusagt? In den Ballungsgebieten deutscher Städte ist es mittlerweile ratsam, die Bewerbung für einen Kitaplatz bereits vor der Geburt des Kindes abzugeben. Dann besteht die Chance bis zum zweiten Geburtstag des Kindes auf der Warteliste weit genug nach oben gerutscht zu sein, um auch tatsächlich vom Betreuungsrecht Gebrauch machen zu können. Es mangelt an vielem: An ausreichend freien Kitaplätzen, an gut ausgebildeten Erziehern und natürlich am Geld, um diese Missstände zu beheben. Aber genug der Klage: Die medienwirksamen Kitastreiks des vergangenen Jahres haben das Thema bereits in den Fokus gerückt. Wir wollen uns hier der Frage widmen, auf was zu achten ist, wenn für das eigene Kind tatsächlich ein Kitaplatz ergattert, erstritten oder gar eingeklagt wurde.

Persönlicher Bezug

Ich habe über zehn Jahre als Erzieher in Berlin gearbeitet und war als Mann dort stets in der Minderheit (männliche Erzieher machen gerade einmal drei Prozent aller Kitabeschäftigten aus). Die Arbeitskollegen sind in der Regel Kolleginnen und auch bei der Elternschaft hat man es mit den Müttern als mit den Vätern zu tun. Als der „Quoten-Mann“ habe ich zuerst in einer privaten Betreuung mit den ganz Kleinen von ein bis drei Jahren gearbeitet. Danach war ich in einer evangelischen Kita für die Gruppe der Zwei- bis Vierjährigen verantwortlich. In beiden Einrichtungen hat sich schnell herauskristallisiert, dass meine Kernkompetenz im Bereich der Eingewöhnung liegt. Warum? Ich weiß es nicht, es hat einfach gut funktioniert. Im folgenden Text wird der besseren Lesbarkeit halber nur die auf mich zutreffende männliche Form „Erzieher“ benutzt. Bitte das gegenderte „ /in“ selbst dazu denken.

Stressfaktor Eingewöhnung

Aus der Sicht eines Kindes bedeutet die Zeit der Eingewöhnung meistens eins: Stress. Die zu den gewohnten Bezugspersonen aufgebaute Bindung wird jäh auf eine harte Belastungsprobe gestellt. Aufgabe des Erziehers ist es, eine neue und vor allem tragfähige Beziehung zu dem gewissermaßen entwurzelten Kind aufzubauen. Das braucht Zeit, Geduld und vor allem: Die Mitarbeit der Eltern. Ich habe viele Mütter erlebt, denen der Loslösungsprozess während der Eingewöhnung schwerer fiel als ihren Kindern. Zum Glück sind die Zeiten, in denen Kinder einfach ins kalte Wasser geworfen wurden, lange vorbei: Das Kind morgens am ersten Kita-Tag abgeben, weinen lassen und nachmittags noch immer weinend wieder abholen. So sah „Eingewöhnung“ noch bis in die 90er-Jahre oft aus. Meine ältere Kollegin in der evangelischen Kita (Stadtteil Prenzlauer Berg, ehemalige DDR), hat mir davon erzählt.

Das Berliner Modell der Eingewöhnung

Dieses Konzept zur Eingewöhnung wurde vom Berliner Institut INFANS (Institut für angewandte Sozialisationsforschung / Frühe Kindheit e.V.) in den frühen 1990er-Jahren speziell für die Aufnahme von Kindern unter drei Jahren in Krippen und Tagespflegestellen entwickelt. INFANS (Zitat) „wurde 1988 von dem Soziologen Hans-Joachim Laewen und der Erziehungswissenschaftlerin Beate Andres gemeinsam mit einer Gruppe von ehemaligen wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Absolventinnen des Arbeitsbereichs Kleinkindpädagogik der Freien Universität Berlin gegründet.“

Das Berliner Modell ist ein bindungsorientiertes Konzept, das die Bindung des Kindes zu den Eltern und dem Erzieher in den Mittelpunkt stellt. Es ist in mehrere Phasen unterteilt und in Ablauf und Dauer an den Bedürfnissen und Möglichkeiten des Kindes orientiert. Das bedeutet: Das Tempo der Eingewöhnung wird vom Kind selbst bestimmt. Vor der Eingewöhnung findet ein ausführliches Gespräch zwischen Eltern und Erzieher statt. Dies dient dem ersten Kennenlernen und der ausführlichen Planung der Eingewöhnungszeit. Da die tatsächliche Dauer der Eingewöhnung nicht abschätzbar ist, sollte ein Elternteil ausreichend Zeit mit Sicherheitspuffer einplanen. Im Folgenden werden die drei Phasen des Berliner Modells näher erläutert.

Die Grundphase

Elternteil und Kind nehmen drei bis sechs Tage für jeweils einige Stunden gemeinsam am Alltag im Gruppenraum teil. In dieser Zeit nimmt der Erzieher über Spielangebote oder Beteiligung am Spiel Kontakt zu dem Kind auf. Für die Mütter (oder seltenen Väter) gilt hier: Immer für das Kind ansprechbar sein, es niemals drängen mit anderen zu spielen und auch selbst nicht mit anderen Kindern spielen. Das Kind braucht die Gewissheit, dass Mutter oder Vater ihre ganze Aufmerksamkeit ihm widmen. Wenn das Kind zuerst nur auf dem (sicheren) Schoß sitzen will, ist das völlig okay. Löst es sich ein Stück und beschäftigt sich mit Spielzeug oder anderen Kindern ist das ein gutes Zeichen.

Stabilisierungs- und Trennungsphase

In der Theorie beginnt diese Phase am vierten Tag der Eingewöhnung. Der Erzieher baut den Kontakt zum Kind weiter aus, hilft ihm beim Mittagessen und spielt mit ihm. Mutter oder Vater greifen nur noch ins Geschehen ein, wenn die Vertrauensbasis zwischen Kind und Erzieher noch nicht stark genug ist. Ansonsten beschränkt sich die Rolle des Elternteils auf passive Anwesenheit. Jetzt kann auch die erste Trennung erfolgen. Diese sollte nicht länger als eine halbe Stunde sein. Während der Trennung müssen sich Mutter oder Vater in unmittelbarer Nähe aufhalten, um jederzeit wieder schnell zur Stelle sein zu können. Die Reaktion des Kindes auf diese erste Trennung entscheidet über den weiteren Verlauf der Eingewöhnung. Zeigt sich das Kind selbstsicher und nur wenig irritiert, kann die Zeit der Trennung in den folgenden sechs Tagen langsam gesteigert werden. Lässt das Kind sich aber nicht vom Erzieher trösten, weint oder versucht dem Elternteil zu folgen, wird diese Zeit der Eingewöhnung auf zwei bis drei Wochen verlängert.

Schlussphase

Die Stabilisierungsphase gilt als abgeschlossen, wenn das Kind eine deutlich spürbare emotionale Bindung zum Erzieher aufgebaut hat. Beim Weggang von Mutter oder Vater protestiert oder weint es vielleicht noch, lässt sich aber schnell und anhaltend vom Erzieher trösten. Jetzt brauchen die Eltern auch nicht mehr in der Einrichtung zu bleiben, sollten aber erreichbar sein, wenn eine Krise des Kindes eine schnelle Rückkehr erfordert.

Mein Tipp

Falls euer Nachwuchs demnächst in die Kita kommt, sprecht das wichtige Thema der Eingewöhnung gezielt an (falls die Erzieher es nicht ohnehin tun). Lest im Netz Erfahrungsberichte anderer Eltern, die ihr Kind nach dem Berliner Modell eingewöhnt haben. Aus meiner Sicht ist es die beste Methode, ein Kind mit möglichst wenig (emotionalem) Stress einzugewöhnen. Es braucht allerdings ausreichend Zeit und Geduld. Es sollten auch nie mehr als zwei Kinder gleichzeitig in einer Gruppe eingewöhnt werden. In den meisten Kitas lässt der Personalschlüssel das aber ohnehin nicht zu. Falls die Erzieher in eurer neuen Kita nach anderen Eingewöhnungs-Konzepten arbeiten, hinterfragt diese. Lasst euch nicht mit Sätzen wie „Das wird schon, anfangs heulen sie alle!“ abspeisen und wegschicken. Wenn Erzieher nicht wollen, dass Eltern für eine Eingewöhnungszeit mit in der Gruppe sind, ist das meistens kein gutes Zeichen.

Habt ihr mit euren Kindern Erfahrungen mit der Eingewöhnung in einer Kita gemacht? Wenn ja, berichtet doch in den Kommentaren davon.

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7 Kommentare


1
#1
23.5.16, 16:46
OH JA......Das Problem mit Anspruch haben und einen Platz bekommen kenne ich auch.Habe meine Kids mit ca.3Monaten angemeldet da ich einen bestimmten Kiga wollte.
Die Erzieher sprachen das Thema Eingewöhnung an und bei uns funktionierte das prima.Erst mal mit Mama ...dann kurze Zeit ohne...und irgendwann hat's  gut geklappt.Wir durften ein kurzes Spiel zur Bringzeit machen und dann wurde kurz verabschiedet.Wir hatten nie Probleme evtl.weil sich einige Kinder schon aus der Krabbelgruppe gekannt haben, was ich nur empfehlen kann .
#2
23.5.16, 18:29
Hallo Kriss
Ich bin selbst auch Erzieherin-allerdings in Österrrich-was mich nicht daran gehindert hat, nach dem Berliner Modell vorzugehen;-)
Wir haben mit dem sanften Einstieg nur gute Erfahrungen gemacht.
Leider musste ich oft erkennen dass Eltern bzgl. Eingewöhnung oftmals arbeitsbedinngt unter Zeitdruck standen, was sich natürlich auf die kleinen Sprösslinge ausgewirkt hat.(Es ist auch nicht so hilfreich wenn in der Eingewöhnungszeit heute Mama,morgen Papa und dann mal die Omi kommt....am leichtesten fiel es den kids die während dieser Zeit immer mit der gleichen Bezugsperson gekommen sind)

Deshalb kann ich nur nochmal unterstreichen...liebe Mamis und Papis dieser Welt tut euch und euren kids was Gutes und plant ausreichend Zeit ein.

Lg
#3
23.5.16, 22:08
Ich werde im Dezember das erste mal Mutter und finde es erschreckend, dass wir uns jetzt schon um einen Platz bemühen müssen. Sehr interessante Punkte, die aufgeführt werden. Vor allem die extrazeit einzuplanen.
apropos war ich selbst Anfang der 90er in einem Evangelischen Kindergarten in P'Berg :D
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#4
23.5.16, 23:28
Da ich 1980 geboren bin, rutschte ich genau in die Zeit OHNE Eingewöhnung. Ich erinnere mich noch ganz genau daran, dass Mama ins Auto stieg und davon brauste... hab ich geheult!!! Ende vom Lied war dann, dass ich fast nie im Kindergarten war, Albträume hatte (Kinder werden abgeschoben um Platz für neue zu schaffen - jaaaa, das habe ich geträumt) und ich meiner sonst sehr lieben Mama gar nicht mehr von der Seite wich. Ich war kein sehr selbstbewusstes Kind.
Mein Zwerg hat mich jetzt schon mit einem Jahr in der Krabbelgruppe stehen lassen und war so nach ner Stunde ganz freudig überrascht, dass ich ja auch da bin... tja, so kanns gehen!
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#5
24.5.16, 08:51
Genau das meinte ich...früh soziale Kontakte aufbauen und das Abnabeln wird den Zwergen leichter fallen....nur der Mami nicht😳
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#6
24.5.16, 12:59
Als Tagesmutter habe ich regelmäßig kleine Kinder ab 12 Monaten, die ich an mich gewöhnen muss. Nach meiner Erfahrung brauchen gerade diese kleinen Kinder sehr viel Zeit und Geduld um sich an die neue Umgebung zu gewöhnen und Vertrauen zu fassen. Daher sind mein Kollege und ich vor einem Jahr zum "Münchner Eingewöhnungsmodell" gewechselt. Wir beginnen schon 3 Monate vorher mit regelmäßigen besuchen, und geben dem Kind so genug Zeit.  Die Eltern erleben uns so in Alltagssituationen 
#7
24.5.16, 21:14
Bei meiner grossen ging es sehr schnell mir der Eingewöhnung.
Am ersten Tag hat sie sich alles ca. 30 Minuten auf meinem schoss alles angeschaut und ging dann ihre Runden im Gruppenraum. Ich war für sie ziemlich uninteressant.
Am zweiten Tag hat sie die anderen Kinder beobachtet, hat gesehen das die sich von ihrem Mamas verabschiedet haben und diese dann gegangen sind. sie kam zu mir, gab mir ein Bussi und schob mich zur Tür raus.
das war die Eingewöhnung meiner Tochter. einerseits war ich total stolz das meine 2 jährige so viel vertrauen hatte und einerseits tat es auch ein bisschen weh das sie mich scheinbar nicht "braucht".

meine kleine kommt im Dezember in den kiga, auch mit zwei jahren.
und ich hab total angst davor. da sie außer mir, Papa und ihre grosse Schwester keine anderen menschen hat mit denen sie regelmäßig zu tun hat, ist sie extrem auf mich fixiert. die Eingewöhnung soll auch nach dem Berliner Modell stattfinden und bin gespannt wie lange wir brauchen.

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