Bei privaten Gesundheits-Monitoring fallen unglaubliche Datenmengen an, die in der Regel vom Smartphone verwaltet und in einer Cloud gespeichert werden.

Self-Tracking: Die Vermessung des Menschen

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Es scheint tief in der menschlichen Natur verwurzelt zu sein, dieses Bedürfnis von allen Dingen nicht nur den Namen, sondern auch Größe, Gewicht, Alter, Geschwindigkeit, genaue Position und alle sonst noch möglichen Daten zu wissen. Nachdem heutzutage bereits Erde und Himmel, die Ozeane und Teile des Weltalls vermessen sind, geht’s jetzt ans Eingemachte: Die Vermessung des Menschen an sich. Und damit diese Aufgabe nicht nur Forschern und Medizinern vorbehalten bleibt, haben findige Köpfe eine ganze Reihe von Gadgets entwickelt, mit denen auch biologische Legastheniker tief in ihren Körper blicken können.

Nach den Personenwaagen, die nicht nur das Gewicht, sondern auch den darin enthaltenen Anteil von Fett, Wasser und Muskelmasse bestimmen können, sind jetzt Pulsuhren, Schlafanalyse-Apps, Activity-Tracker und sonstige Wearables der letzte Schrei. Mit dem eigens dafür geprägten Ausdruck „Lifelogging“ hat der ganze Big-Data-Wahn auch endlich einen trendigen Namen bekommen. Mit Lifelogging, oder auch Self-Tracking, wird das möglichst minutiöse digitale Protokollieren von Aspekten des täglichen Lebens bezeichnet. Wie viele Schritte bin ich gelaufen und wie viele Kalorien sind dabei verbrannt worden? Und wie wirkt sich das auf den Fettanteil in meinem Körper aus? Ist mein Puls während des Zwischenspurts zum Bus bedenklich hochgeschossen? Das alles (und noch viel mehr) können mir meine verschiedensten Body-Tracker und die dazugehörigen Apps genauestens verraten. Wirklich nur mir?

Bei diesem privaten Gesundheits-Monitoring fallen unglaubliche Datenmengen an, die in der Regel vom Smartphone verwaltet und in einer Cloud gespeichert werden. Ich frage mich gerade, warum so ein Sturm der Entrüstung über Deutschland gefegt ist, als die Überwachung durch die NSA vom Whistleblower Edward Snowden publik gemacht wurde…? Zumindest überschwemmt die NSA unseren PC nicht mit personalisierter Werbung, wie es die anderen großen Datensammler gerne tun. Außerdem gehen wir selbst doch noch einen gewaltigen Schritt weiter, tracken und sammeln fleißig sehr intime und private Daten über uns, ohne genau zu wissen in welchem Wolkenspeicher sie denn nun landen. Und vor allem: Wer sich noch dort herumtreibt und Zugriff auf die Daten hat.

Ich habe neulich den ebenso spannenden wie beunruhigenden Roman Zero von Marc Elsberg gelesen. Er spielt in einer nahen Zukunft, die aber ebenso gut bereits Gegenwart sein könnte. Elsberg beschreibt darin eine Gesellschaft in der für viele Menschen Self-Tracking nicht nur selbstverständlich, sondern auch lukrativ ist. Der Grundgedanke dahinter ist simpel: Bevor ich mir alle meine Daten von irgendwelchen Internetriesen und Geheimdiensten klauen lasse, tracke und sammele ich sie doch lieber selbst und verkaufe sie an den Meistbietenden. Daten als Währung, das Geschäft mit dem Ich. Und je höher mein gesellschaftlicher Status, desto teurer meine Daten. Ich werde hier jetzt nicht spoilern, wohin diese Geschichte letztendlich führt, nur so viel sei verraten: Nicht jeder Fortschritt ist ein Schritt in die richtige Richtung.

Wer das Selflogging auf die (momentane) Spitze treiben möchte, klemmt sich am besten eine Minikamera wie Autographer oder den Narrative-Clip ans Revers. Die schießt dann den ganzen Tag über Fotos von allem, was ihr vor die Linse kommt. Im Minutentakt. Abends kann man dann die Bilder auf den Rechner laden, die Beine hochlegen und sich anschauen, wie der Tag denn so war. Das eigene Leben im Zeitraffer, inklusive der Möglichkeit, die unschönen Begegnungen und Erlebnisse einfach zu löschen. Was nicht auf der Festplatte ist, kann doch gar nicht passiert sein, oder?

Irgendwie kriege ich gerade eine Gänsehaut beim Schreiben. Ist das schon Paranoia, oder läuft dieser Datensammelwahnsinn, inklusive dem damit verbundenen Selbstoptimierungsversprechen (Human Enhancement), wirklich aus dem Ruder? Was wollen mir die Apps sagen, was mein gesunder Menschenverstand nicht längst weiß? Dass ich mir die Currywurst mit Pommes rotweiß bei Konopke lieber knicken sollte? Oder besser die Treppe als den Aufzug benutze? Darüber werde ich nachdenken, während ich mir nachher im Lift die letzten Pommes in den Mund schiebe. Dieser flache Witz war jetzt das Lachen des Verunsicherten, das Pfeifen im dunklen Wald, der Galgenhumor, nennt es wie ihr wollt, aber eins ist klar: Mir ist mulmig angesichts der digitalen Sturmflut.

Ach ja, Mutti wartet noch auf den Tipp. Ich mache es heute kurz: Hütet eure Daten, sie könnten missbraucht werden. Und lasst euch nicht von irgendeinem digitalen Helferlein einreden, dass ihr oder euer Lebensstil optimiert werden müsste. Wenn das tatsächlich der Fall sein sollte, wisst ihr es garantiert besser als jede App.

Schließen möchte ich mit einem Satz aus Elsbergs Roman Zero. Er wird dort von einem digitalen Untergrundkämpfer gesagt, der gegen den mächtigen Daten-Apparat aufbegehrt und lautet so: „Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Datenkraken zerschlagen werden müssen.“ (Ihr könnt den Begriff „Datenkraken“ ja mal GOOGELN…)

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7 Kommentare


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#1
14.2.17, 16:59
Bald gibt es dann vielleicht noch an das Smartphone ansteckbare Sonden, mit denen man den Kloinhalt überprüfen kann. Schöne neue Welt.
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#2
28.2.17, 08:12
@Julice: 

Aber ist ganz praktisch: dann kann ich die Urinprobe per WhatsApp an meine Urologin schicken 😂
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#3
28.2.17, 10:10
Hi, Kriss,
ich finde das, was Du so ausführlich beschrieben hast, durchaus wichtig. Junge wie Alte sind oft sehr leichtsinnig mit ihren Daten. Danke, und vielleicht trifft man sich ja mal bei Konopke ;-)
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#4
28.2.17, 10:18
Gut geschrieben!
Da ist echt was wahres dran ;)
#5
28.2.17, 11:37
Du sprichst mir aus der Seele !! 👍👏
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#6
28.2.17, 12:06
@Kurti1: Man könnte es auch auf Facebook posten, mit einem Foto der Pipiprobe. Vollständigerhalber natürlich auch mit Fotos der Nahrungsmittel, die man 2 h vorher gegessen hat.
#7
28.2.17, 17:13
@Julice: 

...Ich würde das Foto aber Sicherheitshalber verpixeln 😎

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