Demenz mit Empathie begegnen - meine Omi, mein Opi und ich - Ich hoffe, meine Gedankengänge inspirieren euch ein wenig.

Demenz mit Empathie begegnen - meine Omi, mein Opi und ich

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Ich weiß ja nicht wie es euch so geht, aber wenn Omi und Opi immer tüddeliger und vergesslicher werden, spüre ich nahezu körperlich, wie es ihnen zusetzt. In klaren Momenten können sie es auch sehr gut beschreiben: Die Hilflosigkeit und damit verbundene Unsicherheit. Nicht zu wissen, wo sie etwas hingelegt haben. Sich nicht zu erinnern, ob sie etwas schon getan haben (Pillen eingenommen usw.)

Meine Oma hat mal gesagt: "Eigentlich habe ich vergessen, dass ich noch lebe". Es tat mir in der Seele weh zu beobachten, wie sie sich immer mehr aufgab. Nur eines gab sie nie auf: Täglich ging sie auf ihr Trimmrad; ein Methusalem aus den 60er/70er Jahren. Bis zu dem Zeitpunkt, wo sie es nicht mehr erinnerte!

Sie saß vor mir, wirkte wie ein hilfloses, kleines Wesen, völlig verloren und überfordert von den einfachsten Anforderungen des Lebens.

Und so überlegte ich mir Folgendes: Ich kaufte eine kleine Pinnwand und malte mit Edding die Wochentage auf (Längsspalte). Dann zeichnete ich zwei Spalten (für "noch zu tun" und "schon erledigt") und platzierte in jede "Noch zu erledigen" Spalte eine farbige Pin-Nadel.

Diese Pinnwand hingen wir direkt neben ihrem Trimmrad auf, so dass sie es erreichen und den Pin in "erledigt" umsetzen konnte, während sie AUF dem Rad saß.

Es mag sich für einen Gesunden vielleicht seltsam anhören, aber ihr glaubt gar nicht, wie viel es meiner Omi bedeutet hat, wieder mit mehr Sicherheit zu wissen/sehen, ob sie schon auf ihrem Rad war oder nicht. Für uns sind es Kleinigkeiten, für einen Demenzkranken, der sich mehr und mehr selbst verliert, können solche minimalen Anpassungen/Erleichterungen die Welt bedeuten!

Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass es unglaublich belastend sein kann, Demente zu betreuen - erst recht, wenn sie zur eigenen Familie gehören! Zum einen schmerzt es, den körperlichen, gesundheitlichen Abbau und Verfall mit zu erleben, zum anderen haben wir ja meist einen eh schon vollen Arbeits- und Familienalltag. Da können Demenzkranke, die immer wieder das Gleiche fragen oder erzählen, echt mal nervig werden.

Doch ich erinnere mich dann immer daran, wie viele unendliche Male sie für mich da war, zugehört hat, Geschichten erzählt hat, mit mir gebacken, gekocht, gelacht, gebastelt. Und ja: Es ist nicht immer easy, doch sobald ich mir bewusst mache, wie viel ich ihr zu verdanken habe, wie sie meine Kindheit zum Leuchten und mich im Ich-Sein bestärkt und unterstützt hat, überschwemmt meine Liebe zu ihr mein Herz! Wer weiß, wie lange ich noch der Geschichte von ihr und meinem Vater in Kriegsgefangenschaft zuhören darf, in ihre immer so warmen, liebevollen Augen blicken kann! 

Und mein Opi? Nun, mein Opi ist nicht der Mann dieser Omi, sondern der Vater meiner Mutter.

Hier gestaltete es sich alles etwas schwieriger, zumal er nicht im selben Haus wohnt. Wie häufig bin ich mitten in der Nacht quer durch die Stadt gefahren, um ihm zu helfen. Er ist stark schwerhörig, was das Problem verstärkt: Telefonieren geht mit ihm nicht, er "schreit" lediglich in den Hörer, dass er mich braucht. :-) Was denkt ihr, wie häufig ich da schwer an meine Empathiegrenze gekommen bin - wenn ich dort auftauchte, und er etwas von mir erledigt haben oder wissen wollte, was schon längst getan war!

Leider ist bei meinem Opi der Zeitpunkt gekommen, wo er zu Hause nach Ansicht meiner Eltern nicht mehr alleine leben konnte. Er begann, Medikamente selbstständig in nicht zu überwachender Art einzunehmen, verließ das Haus und fand nicht mehr zurück usw. Es gibt zwar eine kleine Einliegerwohnung nahe der Garage, doch auch das wäre für eine engmaschige Betreuung möglicherweise nicht genug gewesen.

Dennoch: Ich bitte euch, überlegt nicht nur, WIE demenzkranke Elternteile so lang wie möglich zu Hause wohnen bleiben können, sondern bedenkt auch, dass sich alte Bäume nur sehr, sehr selten umpflanzen lassen! Ich kann den Abbau bei meinem Opi sehr intensiv sehen und nachvollziehen - sind doch all die Dinge, für die er bisher selbst verantwortlich war, (wenn auch mit uns als Rückhalt) wichtige Eckpfeiler seines Lebens gewesen. Wenn sie ihre Eigenverantwortung abgeben oder ablegen müssen, ist das oft der Anfang vom Ende!

Darum: Wenn es möglich ist, einen Betreuer ins Haus aufzunehmen: Mittlerweile gibt es Einige, die sich mit exakt derartiger 1:1-Betreuung selbstständig gemacht haben und als "haushaltsnahe Dienstleistung" z. B. gebucht werden können! Falls ein Zimmer zur Verfügung gestellt werden kann, ist das meiner Ansicht nach eine für alle Beteiligten deutlich bessere Lösung - und auch günstiger als Altenheime oder betreutes Wohnen nach bekanntem Konzept! Auch Gruppen wie "Wohnen gegen Hand" bieten sich an, dort nach Unterstützung zu gucken.

Ich hoffe, meine Gedankengänge inspirieren euch ein wenig; liebe Grüße!

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7 Kommentare


9
#1
25.8.17, 00:11
Mich hat Dein "Tipp", also Deine Geschichte, sehr berührt.
Allein dafür die volle Punktzahl!
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#2
25.8.17, 00:14
sehr berührend was du schreibst. Es erinnert mich an meine Enkeltochter , das Band was mich mit ihr verbindet ist so stark, ich kann es nicht beschreiben. Omi ich hab dich lieb höre ich fast täglich, wenn auch nur oft am Telefon. Ich bin fest davon überzeugt das sie ähnlich handeln würde wie du, sollte mich auch einmal so ein Schicksal ereilen. Danke für deine offenen Zeilen.
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#3
25.8.17, 12:56
Ich danke Euch, Upsi und xldeluxe_reloaded.
Ja, das Band zwischen uns ist sehr stark und innig - aber ich sehe es grundsätzlich so, dass mit gebotener Empathie ein Miteinander überall leichter wird.
Vielen Dank für Eure Komplimente! :-)
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#4
25.8.17, 13:06
Meine Sympathie und Hochachtung für dich..sehr berührend geschrieben.🌸
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#5
26.8.17, 11:07
Dein Bericht spricht genau das aus, was ich empfinde. Die Eltern/Großeltern ... werden alt und benötigen unsere Hilfe, die sie ohne Wenn und Aber erhalten sollten. Sie haben mit Sicherheit nicht zig tausend mal nach gedacht, als die Kinder klein waren, sie haben gehandelt und sich sehr oft hinten angestellt. Leider habe ich weder Eltern noch Tanten oder Onkel, aber ich habe einen sehr großen Respekt vor dem Alter. Ich habe wenige Monate im Altenheim gearbeitet und es hat mich sehr betroffen gemacht, wie so einige Pfleger mit den alten Menschen um gehen. Ja, es gibt sehr viel zu tun und ja, auch ich musste rennen, aber ich war immer geduldig und voller Achtung vor diesen Menschen. Ja, ich habe manche Sachen x mal erzählt bekommen und manche alte Menschen haben geweint. Sie bemerken durch aus, was mit ihnen geschieht und es ist ihn sehr unangenehm, nur ändern können sie es nicht. Ich habe immer versucht, sie zu einem kleinen Lachen zu bringen, sie gelobt für das was sie können und nicht über das gemeckert, was sie nicht mehr können -das wissen sie schließlich sehr gut selber.
Bei allem genervt sein, sollten wir daran denken -wir alle werden alt und dann .......
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#6
29.8.17, 08:30
Ohja, Dein Text berührt und regt zum Nachdenken an. Als junger Mensch, denkt man über Vieles nicht nach und nimmt es als selbstverständlich an, egal, ob es um Gutes von den Eltern oder Großeltern geht und an selbst älter werden wird schon garnicht gedacht.
Leider ist es oft so, daß man erst in's Grübeln kommt, wenn in der eigenen Familie Jemand hilfsbedürftig, sprich “tüdelig“ oder eigensinnig wird.
Wie meine Oma. Sie war immer für Jeden da und wir durften sie auch bis kurz nach ihrem 101ten Geburtstag “behalten“. Eigensinnig, ja geradezu “bösartig“ wurde sie, als ihr Gehör und die Augen immer schlechter wurden. Da sagte sie mehr als einmal, warum der Herrgott sie nicht holt, sie wäre doch zu nicht's mehr nutze und ein Klotz am Bein für meine Tante, die sie zu sich nach Hause geholt hat, damit sie nicht in einem Altenheim leben muß.
Mein Stiefvater wurde dement und meine Mutter mußte ihn schweren Herzens in ein Altenheim bringen, da sie es nicht mehr schaffte, seinen “Aussetzern“ Herr zu werden, zumal sie selber schon über 80 Jahre alt und nicht mehr die Gesündeste ist. Nach jedem Besuch kam sie weinend nachhause, weil er sie nicht mehr erkannte ihr eine andere Frau aus dem Heim, ihr als seine Frau vorstellte. Eigenartigerweise wußte er aber Wer ich bin und nannte mich beim Namen, allerdings meinte er wir hätten zusammen im Sandkasten gespielt.
Da ich selber in der Altenpflege tätig war und weiß wie Demente “ticken“, konnte ich damit umgehen.
@Sternenleuchten, was Du in Bezug auf den teilweisen schlechten Umgang mit Altenheimbewohnern geschrieben hast trifft leider oft zu. Die Freundin meines Sohnes hatte ihre Stelle aus dem Grund gekündigt. Sie konnte es nicht mehr ertragen, wie manche Kollegen mit den Senioren umgingen.
#7
4.9.17, 14:07
SabineC2 : Dein Bericht ist so toll  geschrieben , ich verneige mich vor Dir .
Ich weiß auch wie Demente ticken , hatte einen Kurs in der VHS extra deswegen gemacht um Seniorenbegleiterin zu lernen . Es ist erschreckend ,wie die Senior/innen von dem Personal allein gelassen werden . Nicht , weil sie es so wollen , es fehlt einfach die Zeit sich mit ihnen zu unterhalten , sich kümmern . Deswegen hatte ich mir auch gedacht : das ist genau das was sie brauchen , dass jemand Zeit für sie hat . Nur leider sah das Altenheim sich außerstande , mir auch nur 1 Euro für meine Arbeit zu zahlen ....
Dann wurde ich krank und konnte die Tätigkeit sowieso nicht mehr ausüben...

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