Eine Familie kann man sich in der Regel nicht aussuchen, Freunde hingegen schon.

Durch dick und dünn: Das Phänomen Freundschaft

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„Freunde sind Gottes Entschuldigung für die Familie.“

Dieses Zitat von Oscar Wilde mag echten Familienmenschen zu krass erscheinen. Tatsache aber ist, dass es vielen Menschen aus der Seele spricht. Eine Familie kann man sich in der Regel nicht aussuchen, Freunde hingegen schon. Und weil Zitate und Sinnsprüche komplexe Zusammenhänge oft erfrischend anders beleuchten, gleich noch ein treffender Aphorismus hinterher: „Mit Fremden macht man Geschäfte, mit Freunden geht man einen trinken, mit der Familie streitet man.“ Ob es einem nun gefällt oder nicht: Ganz von der Hand zu weisen, ist auch diese Erkenntnis nicht. Um den Wahrheitsgehalt dieses Spruchs zu überprüfen, sollte man nur einmal die letzten Weihnachtsfeste im Kreis der Familie vor dem geistigen Auge Revue passieren lassen. Wenn es in Familien mal so richtig knallt, scheint Weihnachten immer ein guter Anlass dafür zu sein.

Aber zurück zu den Freunden. Was bedeutet Freundschaft in Zeiten von Facebook & Co? Teenager geraten in Lebenskrisen, weil sie weniger als die durchschnittlichen 350 „Freunde“ in ihrer Chronik haben. Normal? Ich denke nicht. Da erinnere ich mich beinahe wehmütig an meine vor-Internet-Kindheit und die „Fünf Freunde“-Bücher von Enid Blyton. Das war damals der Inbegriff von Freundschaft für mich. Wenn ich meine Freunde treffen wollte, musste ich mich aufs Fahrrad schwingen und hinfahren. Die Kids heutzutage fahren den Rechner hoch oder greifen zum Smartphone. Ich will hier nicht alle Teenies über einen Kamm scheren, aber der Trend ist klar erkennbar. Raus aus der realen Welt, rein in die virtuelle Scheinwelt. Mir macht diese Entwicklung Gänsehaut. Schauen wir mal, was die Psychologen zum Thema Online-Freundschaft beisteuern.

Offline rules

Anscheinend ist meine Skepsis gegenüber den Facebook-Freundschaften teilweise unbegründet und meinem fortgeschrittenen Alter geschuldet. Professor Franz Neyer, Direktor des psychologischen Instituts der Uni Jena, hält die sozialen Netzwerke nicht für das Ende wahrer Bindungen. Seine Ansicht: In Zeiten wachsender Mobilität helfen diese Internet-Plattformen dabei, Beziehungen auch über Zeiten der räumlichen Trennung hinweg aufrecht zu erhalten. Der Grundstock dieser Beziehungen wird allerdings vorher im realen Miteinander gelegt. Nur wer einem Freund öfter in die Augen blickt, oder zumindest länger mit ihm spricht, kann echte Nähe empfinden. Also: Freundschaften lassen sich per Internet pflegen, aber nicht generieren. Danke, Professor Neyer!

Das Prinzip des Gleichgewichts

Bleiben wir noch bei Professor Neyer und seinen Forschungen: Seit mehr als 20 Jahren untersucht er, was Menschen (über Verwandtschaft, Nutzen und Sexualität hinaus) aneinander bindet. Die zentrale Erkenntnis seiner Forschungsarbeit lautet: Freunde sind für ein erfülltes und glückliches Leben von ähnlicher Bedeutung wie die Familie. Bei familienlosen Menschen sind Freundschaften sogar in der Lage, dieses emotionale Loch zu stopfen. Neben einem Gefühl von Vertrauen und Nähe ist vor allem das Gleichgewicht zwischen den Freundschafts-Partnern ausschlaggebend für die Qualität der Freundschaft. Hier liegt auch der größte Unterschied zu familiären Banden: Freundschaft funktioniert nur auf Augenhöhe. Ist nur eine Seite bereit sich zu öffnen oder Trost, Schutz und Hilfe zu bieten, lösen sich Verbindungen zumeist schnell wieder auf. In diesem Punkt decken sich Professor Neyers Forschungsergebnisse hundertprozentig mit meinen eigenen Erfahrungen. Einseitige Freundschaften halten nicht lange, oder besser noch: Sie waren nie wirkliche Freundschaften.

Die zunehmende Wichtigkeit von Freundschaften

Jugendfreundschaften sind oft Orientierungspunkte auf dem Weg zur eigenen Identität. Freunde können Vorbilder, Konkurrenten oder Weggefährten sein. An ihnen können wir uns messen und erfahren, wer wir sind. Mit zunehmendem Alter nimmt die Zahl der Freunde in der Regel ab, parallel dazu wächst aber die Qualität der Freundschaften. So oder so: Freunde sind wichtig – ein Leben lang.

Tipps für Freundschaften – geht das überhaupt?

Wir sind ja hier bei „Frag Mutti“, der Adresse für Tipps jeglicher Art schlechthin. Aber Tipps zu Freundschaften? Schon als Jugendlicher habe ich es gehasst, wenn meine Eltern mir (wahrscheinlich gut gemeinte) Ratschläge hinsichtlich meiner Freundeswahl geben wollten. Das hat sich bis heute nicht geändert: Wenn mir irgendwer sagt, der oder die passe aber so gar nicht zu mir, schalte ich konsequent auf Durchzug. Das möchte ich bitteschön selbst herausfinden. Trotzdem werde ich mit einer Reihe von Ratschlägen schließen, wie man aus einer guten Freundschaft eine „ziemlich beste“ Freundschaft machen kann, quasi eine Pflegeanleitung. Freundschaft ist wie die eigene Haut: Bei guter Pflege bleibt sie frisch und strahlend, grobe Fehler verzeiht sie nur schwer.

  • Kontakt halten! Das bedeutet nicht regelmäßige Treffen, aus denen im schlechtesten Fall unangenehme Verpflichtungen werden. Treffen nur, wenn beide Lust und Zeit haben. Ansonsten wirken eine kurze SMS, eine E-Mail oder ein rascher Anruf zwischendurch wie Balsam für die Freundschafts-Seele.
  • Füreinander da sein! „Freunde in der Not, gehen hundert auf ein Lot.“ So kurz, so wahr. Hier trennt sich die Spreu vom Weizen. Also: Falls euch jemand etwas bedeutet, seid für ihn da, wenn er es braucht. Auch wenn es nicht in den Terminkalender passt.
  • Geben und Nehmen! Bedarf nicht vieler Worte, wurde auch weiter oben schon unter dem Stichwort „Gleichgewicht“ erläutert.
  • Ehrlichkeit! Die allererste Voraussetzung für Vertrauen. Eine handfeste Lüge zwischen Freunden hat nicht nur kurze Beine, sondern ruiniert die beste Freundschaft komplett, wenn sie auffliegt. Und das tut sie eigentlich immer.
  • Akzeptanz! Niemand will sich in seiner Art von anderen ändern lassen, auch die beste Freundin/der beste Freund nicht. Daher Finger weg von Verbesserungsvorschlägen für den anderen. Der Volksmund sagt dazu: „Auch Ratschläge sind Schläge.“
  • Verlässlichkeit! Bedarf auch nicht vieler Worte. Wenn ich sage ich bin um acht da, sollte ich nicht um neun kommen.
  • Wichtige Tage nicht vergessen! Jeder freut sich insgeheim, wenn man an einem besonderen Tag an ihn denkt. Ob Geburtstag, Jubiläum oder bestandene Prüfung. Dabei ist es zweitrangig, ob es ein Anruf, eine SMS oder das persönliche Erscheinen ist: Die Geste zählt.

In diesem Sinne und in virtueller Freundschaft: Auf bald!

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