Kindern richtig vorlesen

Kindern richtig vorlesen

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Vorlesen macht Kinder fit für die Zukunft

Kindern vorlesen ist nicht nur schön, sondern auch sinn- und pädagogisch höchst wertvoll. Denn „lesen können“ und Texte verstehen sind zweierlei Dinge. Studien zeigen, dass immer mehr Schüler die Fähigkeit einbüßen, komplexere Texte zu verstehen – nicht gerade die beste Voraussetzung für ein beruflich erfolgreiches Leben. Das Problem ist der Wortschatz: Während die deutsche Sprache rund 75.000 Wörter – mit Abwandlungen und Beugungen rund 500.000 - umfasst, genügt im Alltag ein Bruchteil davon. Zum Lesen einer Boulevardzeitung benötigt man nur zwischen 400 und 1000 Wörter.

Wortschatz erweitern heißt die Devise – und das geht nur durch: Lesen! Kinder möglichst früh mit Büchern und der Reise in die Fantasie bekannt zu machen, ist laut Experten der richtige Weg. Zum einen sollte das Kind die Eltern als „Leser“ erleben, zum anderen sollte es eigene Erfahrungen machen. Beispielsweise beim vorgelesen bekommen.

Über Konzentration und Zappelphilipps

Vorlesen kann beiden Parteien richtig Spaß machen, wenn man einige Dinge beherzigt. Zunächst: Die Konzentrationsfähigkeit ist begrenzt. Und zwar bei jedem Menschen, wie man sicher schon bemerkt hat, wenn man einer langen Rede oder einem Vortrag folgen wollte. In der Regel sind 20 Minuten die Grenze, das kann man durch Training etwas erweitern, aber irgendwann ist Schluss und die Gedanken schweifen ab. Das geht Kindern auch so. Fünfjährige können nicht länger als zehn Minuten am Stück zuhören, Zehnjährige sollten 20 Minuten schaffen. Außerdem ist Zuhören harte Kopfarbeit und will durch körperlichen Ausgleich kompensiert werden. Deshalb nicht wundern, wenn das Kind zappelt oder bei spannenden Stellen aufstehen und rumrennen muss – das ist keine „Respektlosigkeit“, sondern Notwendigkeit. Wenn wir „Alten“ telefonieren, kritzeln wir auf der Schreibtischunterlage oder rauchen eine Zigarette. Auch nicht anderes als körperliche Kompensation.

Lesen Sie altersgerecht

Man sollte die Kinder nicht überfordern – selbst wenn man das Gefühl hat, das Buch ist zu kindlich. Man merkt schnell, wenn sich die Kinder langweilen oder etwas gaga finden, dann kann man immer noch einen intellektuellen Gang zulegen. Aber Überforderung hinterlässt einen negativen Nachgeschmack, der die künftige Lesefreude belastet. Das Kind sollte nicht mit dem Gefühl aufwachsen, dass es Bücher sowieso nicht versteht.

Keine Angst vor Wiederholungen! Kinder lieben Routine, Traditionen und Wiederholungen. Da kann man das Lieblingsbilderbuch zum hundertsten Male lesen, das wird immer noch ankommen. Gerade bei kleineren Kindern sind rhythmische Texte in Versen toll. Das Kind wird schnell mitlernen und mit „vorlesen“ können.

Nicht stur durchlesen: Beziehen Sie die Kinder mit ein. Haken Sie bei schwierigen Stellen nach, ob das Kind verstanden hat. Oder fragen Sie, wie das Kind die Geschichte, das Abenteuer, den Streich findet. Das schafft auch eine Unterbrechung und verlängert die Konzentrationsphase. Für die Kleinen sind Zieh- und Klappbücher toll, wo man während des Vorlesens rumfummeln und die Geschichte nachvollziehen kann.

Und: Vorlesen kann man überall, aber natürlich ist das gemütlich aufs Sofa gekuschelt viel schöner. Schaffen Sie eine ruhige, ungestörte Vorlese-Atmosphäre.

Ein paar Tipps für den Vorleser

  1. Lesen Sie nur Bücher, die Sie mögen. Die gehen einem leichter von den Lippen. Lesen Sie neue Bücher immer zuerst laut für sich, man merkt schnell, ob sich ein Buch nur zum Lesen oder auch zum Vorlesen eignet.
  2. Lesen Sie nicht zu schnell. Machen Sie am Satzende oder bei geeigneten spannenden Stellen Pausen.
  3. Atmen Sie vor dem Lesen aus – sie haben genug Luft für den nächsten Satz und müssen nicht gepresst reden.
  4. Variieren Sie mit laut und leise. Das erhöht die Konzentration der Kinder und den Spaß, wenn Spannendes geflüstert und Überraschendes gerufen wird!
  5. Sind viele verschiedene Personen im Buch, die Sie mit verschiedenen Stimmen sprechen möchten, ist es oft schwer, sich an die eigenen Regieanweisungen zu erinnern. Deshalb stellen Sie sich die Personen genau vor, wie sie aussehen und wie sie reden. Daraus ergibt sich oft die Sprechweise von selbst. Und dann kann man variieren mit schnellem und langsamem Sprechen, Dialekten, hoher und tiefer Stimme.
  6. Unterdrücken Sie weder Ihre Mimik noch Ihre Gestik. Wenn Sie das Vorgelesene vorleben, wird es auch für die Kinder lebendiger.
  7. Hat das Buch Bilder, dann zeigen Sie diese auch.
  8. Lesen Sie Bilderbücher mehreren Kindern gleichzeitig vor, wollen alle das Bild sehen. Dann ist es hilfreich, die Kinder gegenüber zu setzen, das Bilderbuch den Kindern zugewandt und den Text des Bilderbuches von einem separaten Blatt abzulesen.

Und vor allem: Lassen Sie sich aufs Vorlesen ein. Genießen Sie den Ausflug in die Jugend mit den Bilder- und Kinderbüchern. Schwelgen Sie in unkomplizierten Geschichten, die alle ein Happy End haben. Eine kleine Auszeit vom Alltag. Viel Spaß! 

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10 Kommentare


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#1 comandchero
2.11.15, 18:45
Ich habe meinem Kind auch viel vorgelesen bis zum 10. Geburtstag. Leider hat mein Kind dennoch Defizite im Formulieren von schriftlichen Sätzen.
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#2
2.11.15, 20:26
Guter Tipp. Ich kenne eine Familie, da wurden zwei Bücher gleichzeitig gelesen:
Erst las das Kind dem Papa vor, dann war der Papa dran und las aus einem anderen Buch dem Kind vor. Die beiden haben die Vorlesezeit genossen. Das Kind hat mittlerweile den Führerschein. :-)
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#3
2.11.15, 21:07
Das Zumselchen wusste gar nicht, dass man auch falsch vorlesen kann... *ratlos guck*
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#4
2.11.15, 21:46
ich bin auch erstaunt über diesen Beitrag. Ich habe meinen Kindern gerne und viel vorgelesen. Offenbar habe ich alles richtig gemacht. Auch meine Kinder haben inzwischen ihren Führerschein. (Hat Vorlesen was damit zu tun?) Ich weiß nicht, ob ich immer richtig vorgelesen habe, aber wir haben uns immer zusammengekuschelt und es genossen. Meine Kinder das Zuhören, ich das Lesen. Jeder hatte sein Lieblingsbuch. Und es hat uns Spaß gemacht. Bin nie einer Anleitung gefolgt. Und für uns war auch die gefühlsmäßige Spontanität und nicht die Richtlinie wichtig.
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#5 Aquatouch
3.11.15, 00:31
Immer alles schön richtig machen!
Typisch Deutsch.
So habe ich meinem Kind auch vorgelesen.
Nein.
Viel besser noch.
Mit viel Betonung und Gefühl und auch mal was ausgelassen, was sie ergänzen konnte etc.
Und das aus Liebe und dem Wunsch mit dem Kind zusammenzusein etc. Und nicht um irgendwas richtig zu machen.
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#6 Anemonne
3.11.15, 11:50
ich habe meinem Sohn auch jeden Abend etwas vorgelesen was ihm persönlich gefallen hat.
Und abwechselnd auch viel Kinderlieder zusammen gesungen.Mensch wie die Zeit vergeht
heute ist er schon 27Jahre alt.Es war aber eine sehr schöne Zeit,erinnere mich immer
sehr gerne daran.
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#7
3.11.15, 18:08
Ich habe meinen Kindern auch viel vorgelesen und wir haben das alle sehr genossen.


Es gibt übrigens Bücher " Erst ich ein Stück dann du", die ich empfehlen kann.
Da hat es kurze Texte, die das Kind liest und die längeren Texte sind für den Erwachsenen. So liest man auch zusammen ein Buch.
Aber es gibt da ja sooo viele Möglichkeiten....
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#8 mayan
4.11.15, 12:56
So viel falschmachen kann man beim Vorlesen nun auch wieder nicht ; falsch wäre nur, gar nix vorzulesen. Da ich selber eine Leseratte bin, waren meine Kinder schon in der Stadtbücherei, als sie noch kaum laufen konnten. Vorlesen und die Kinder sehen lassen, dass man selber Bücher liebt, ist sehr wichtig.
Mein Mann hat beim Vorlesen immer mal was geändert oder weggelassen, um zu schauen, ob die Kinder es merken - das gab immer ein großes Hallo.
Ach, war das schön. Ich freu mich schon darauf, meinen Enkeln vorzulesen. :)))
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#9
4.11.15, 15:11
Vielen Dank für das Reinstellen dieses Tipps.

Er richtet sich klar an Leute, die nicht oder noch nicht, vorlesen. Vielleicht macht sich so die/der eine Gedanken darüber und fängt an seinem Kind vorzulesen. Wenn nur eine Person diesen Tipp beherzigt, ist das doch schon viel! Aber meistens keimen mehrere der Samen die man aussäät. :)

Ich habe meinem Sohn (ü20) auch immer vorgelesen. Zuerst, als er noch ganz klein war, habe ich simultan vom Hochdeutschen ins Schweizerdeutsche übersetzt, was mit ein wenig Uebung immer besser klappte. Als Sohnemann grösser war, hab ich dann hochdeutsch vorgelesen. Immer abends vor dem Einschlafen. Das war unser Ritual.

Ergebnis: Wir hatten viele innige, enge Kuschelstunden (an die ich mit Freude erinnere), mein Sohn spricht problemlos Hochdeutsch, Englisch und Französisch ohne Schweizerakzent, und er liest auch heute noch viele Bücher. Er kann sich gut schriftlich und mündlich ausdrücken und mit anderen Menschen austauschen.

Viele seiner Kinderbücher hat er behalten und feinsäuberlich in Kisten verpackt. "Für meine Kinder dann" meinte er... ;)

Also ich finde, der kleine Aufwand des Vorlesens lohnt sich in jedem Fall!

Danke nochmals für das Einstellen dieses Tipps.
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#10
8.11.15, 10:19
Vor dem Lesen ausatmen - und dann hat man genügend Luft und braucht nicht gepresst sprechen? Da hätte ich meine Schwierigkeiten.

Mein Kind besaß einen Leihbücherei-Ausweis bereits als Kindergartenkind. In der Grundschule wurde das Lesen gefördert, die Kinder sind einmal im Monat klassenweise in die Bücherei gegangen. Und die Bibliothekarinnen kennen jedes Kind der Gemeinde mit vollem Namen - auch wenn sie schon seit Jahren fertig sind mit der Schule.

Es wird auch das Antolin-Programm gefördert von Schule und Bücherei. https://www.antolin.de/

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