Wo sich Menschen sehr nahe kommen, ist die Gefahr bei einer Lüge ertappt zu werden besonders groß, und der daraus resultierende Vertrauensverlust besonders schwerwiegend.

Lügen haben kurze Beine

Jetzt bewerten:
5 von 5 Sternen auf der Grundlage von

Wenn wir alle beim Lügen lange Nasen bekämen, wie die zum Leben erwachte Holzpuppe „Pinocchio“ in Carlo Collodis gleichnamigem Roman, wäre das Leben um einiges gefährlicher. Aber die Gefahr würde nicht vom Lügen an sich ausgehen, sondern vom Gewirr langer Nasen, in dem man sich bei Gedränge leicht ein Auge ausstechen könnte. Denn wir lügen alle. Ausnahmslos. Wer jetzt empört aufschreit „Ich doch nicht“, lügt schon wieder und sollte sich lieber mal an die eigene (lange) Nase fassen. Und um es mal mit Berlins Ex-Bürgermeister Klaus Wowereit auf den Punkt zu bringen: „Das ist auch gut so.“ Er selbst hat nach seiner Wahl keinen Hehl aus seiner sexuellen Orientierung gemacht, soll heißen: Zumindest in diesem Punkt hat er nicht gelogen. Lassen wir die ganze Lügengeschichte rund um den noch nicht eröffneten, aber bereits jetzt schon veralteten Flughafen BER mal außen vor.

Um eins noch klarzustellen: Dies ist kein Plädoyer für die Lüge. Ich selbst versuche möglichst lügenfrei durchs Leben zu gehen. Für diese Haltung ist ein Stück weit mein moralisches Gewissen verantwortlich. Den weitaus größeren Anteil daran haben aber Erfahrungswerte, die ganz klar belegen: Eine Lüge macht in der Regel alles komplizierter und stressiger als die Wahrheit. Auch wenn die manchmal mich selbst oder andere schmerzt. Hier wird also nicht für die Lüge geworben, sondern ein Erklärungsmodell dafür gesucht, warum wir lügen. Ein fiktives Beispiel:

Ich treffe auf der Straße einen flüchtigen Bekannten, dessen belangloses Geschwätz mich neulich auf einer Party zu Tode gelangweilt hat. Eine Lüge wäre jetzt zu sagen: „Schön dich zu treffen“. Genauso gelogen wäre „Ich habe gerade keine Zeit“, denn ich habe jede Menge Zeit, aber absolut keine Lust auf sein Geschwafel. Die Wahrheit wäre „Mach bloß nicht den Mund auf, du nervst total“. Wofür entscheide ich mich? Er ist nicht mein Feind, daher will ich ihn nicht wirklich verletzen. Er ist aber auch nicht mein Freund, dem gegenüber ich mich zur Ehrlichkeit verpflichtet fühle. Die brutale Wahrheit fällt daher schon mal aus. Also mixe ich spontan aus Lüge eins und zwei eine dritte und reichere sie noch mit ein paar Worthülsen an: „Mööönsch, du auch hier? Is ja ‘n Ding, aber ich habe gerade ü-b-e-r-h-a-u-p-t keine Zeit. Ciao, man sieht sich.“ Ich könnte die Glaubwürdigkeit des Gesagten noch mit Floskeln wie „Arzttermin“ oder „Kind abholen“ untermauern, aber den Aufwand ist es mir nicht wert.

Die ganzen Vorüberlegungen, was ich denn nun sagen soll, laufen in Sekundenbruchteilen und größtenteils unbewusst ab. Was dabei herauskommt, wird gerne als Notlüge bezeichnet. Soziologen und Psychologen halten diese Form der Lüge für das Schmiermittel unserer menschlichen Gesellschaft, denn: Würden wir uns alle immer die nackte Wahrheit ins Gesicht sagen, wären Schlägereien auf offener Straße an der Tagesordnung. Daher sollte man Notlügen nach dem Medikamenten-Prinzip behandeln: So wenig wie möglich und so viel wie nötig.

Wo wir gerade bei den Psychologen sind: Studien belegen, dass wir die Fähigkeit zu lügen bereits in der Kindheit ausbilden und ständig weiterentwickeln. Professor Kang Lee vom kanadischen Institute of Child Study in Toronto untersuchte 2010 eine Gruppe von 1.200 Kindern auf ihre Fähigkeit zu flunkern. Fazit: Je älter die Kinder werden, desto mehr lügen sie. Sind es bei den Zweijährigen noch 20 Prozent, lügen schon 50 Prozent der Dreijährigen und stolze 90 Prozent der Vierjährigen. Auch der Zusammenhang zwischen der Fähigkeit zu lügen und dem Intelligenzquotienten war Teil dieser Studie. Erkenntnis: Wer früh lügt, dessen Gehirn entwickelt sich schneller. Dazu Professor Lee: „So gut wie alle Kinder lügen. Die mit der besseren kognitiven Entwicklung lügen besser, weil sie ihre Spuren besser verwischen. Im späteren Leben könnten sie vielleicht Banker werden.“ Das erklärt natürlich einiges.

Alles harmlos soweit. Notlügen sind gesellschaftlich nicht nur entschuldbar, sondern anscheinend notwendig im Rahmen einer friedlichen Koexistenz. Richtig unangenehm wird es hingegen, wenn im Kreis der Liebsten gelogen wird: In der Familie, in der Ehe, in einer Liebesbeziehung oder in Freundschaften. Hier ist es oftmals Angst, die eine Lüge gebiert. Angst vor den Konsequenzen einer Handlung, vor Zurückweisung, Liebesentzug, Streit oder Schlimmerem. Und ausgerechnet dort haben Lügen die allerkürzesten Beine. Wo sich Menschen sehr nahe kommen, ist die Gefahr bei einer Lüge ertappt zu werden besonders groß, und der daraus resultierende Vertrauensverlust besonders schwerwiegend. Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht mehr. So gerne man das auch möchte. Hier kann man einen bekannten Ausspruch unserer Bundeskanzlerin leicht in einen Merksatz umwandeln. Das Original lautet: „Ausspähen unter Freunden geht gar nicht.“ Der Merksatz ist: „Anlügen unter Freunden (Partnern, Familienmitgliedern) geht gar nicht.“

Und wer sich jetzt noch verwundert nach einem tiefschürfenden Tipp umschaut, wird sich hoffentlich durch diese kleine Notlüge besänftigen lassen: Den Tipp habe ich heute Morgen aus Versehen in der U-Bahn liegengelassen.

Von
Eingestellt am

20 Kommentare


2
#1
21.6.17, 10:52
Habe neulich einen Bericht gesehen, wie oft jeder Mensch so am Tag lügt. Demnach müssten wir alle herumrennen wie ein Dackel .😂😂😄
2
#2
21.6.17, 12:04
@Kriss
hast du schonmal darüber nachgedacht einen Blog zu betreiben? Deine "Tipps" würden sicher viele interessierte Leser an sich ziehen. Du hast einen sehr angenehmen Schreibstil.
4
#3
21.6.17, 14:14
Ich habe gerade überlegt, wie oft man mich denn wohl angelogen haben mag, weil ich zu nervig oder uninteressant war. 😌
Alles in Allem finde ich eine Lüge, die man abgibt, um den anderen nicht zu verletzen, völlig legitim und sogar angebracht. 👌
1
#4
21.6.17, 18:25
ja,ja die Wahrheit kann schon sehr verletzend sein.Aber bei Lügen wird stark getrennt.Sogenannte Notlügen oder vorsätzliche Lügen mit verheerenden Konsequenzen.  

.Jeder weiß genau ob eine Lüge harmlos ist oder es zur böswilligen  Täuschung ausartet.

Ich sehe aber absolut keinen Unterschied wenn ein Partner betrügt und lügt oder gleich die Wahrheit sagt..Betrogen wurde trotzdem ob Lüge oder Wahrheit .
#5
21.6.17, 18:30
Ich handhabe es analog zu § 1 StVO:
  "... nicht mehr als den Umständen nach unvermeidbar..."  ;-)
1
#6
21.6.17, 18:31
@frohnatur1: Ich finde deine These mit "harmlos" und der "böswilligen Täuschung" gut. Die Abwägung: Ist eine Lüge harmlos und schützt sie vor Kränkungen? Oder schadet sie dem anderen? ist m.E. durchaus sinnvoll.
3
#7
21.6.17, 18:57
Wahrheit verlangt einen starken character, lügen kann auch ein schwacher.
3
#8
21.6.17, 20:36
Neulich hörte ich ein Zitat, ich glaube, es war von Mark Twain.
"Wer immer die Wahrheit sagt, nicht lügt, muß sich weniger merken." So oder ähnlich. 
Meine Mama sagte mir einmal : " Wenn du meinst , daß eine Lüge , aus welchem Grund auch immer nötig ist, dann bleibe so nah wie möglich an der Wahrheit!" Klappt gut! Ehrlich!! ;-))
1
#9
21.6.17, 22:23
Ich gehe nach dem Motto, wenn ich bei der Wahrheit bleibt, dann muß ich nicht überlegen vri
2
#10
21.6.17, 22:26
Ich gehe nach dem Motto, wenn ich bei der Wahrheit bleibe, dann muß ich nicht überlegen bei Wem ich Wann mit Was gelogen habe.
2
#11
21.6.17, 22:49
@Alicia54: Genau so ist es!
 
Man sagt nicht ohne Grund: "Wer lügt, muß ein sehr gutes Gedächtnis haben."
2
#12
21.6.17, 23:35
Manchmal ist es besser, du sagst gar nichts, dann brauchst du auch nicht zu lügen. Zu dem nervigen Bekannten sagst du freundlich: Hallo ... man sieht sich. 
und den Rest lässt du weg. Das ist dann nicht gelogen, aber du bleibst höflich. 
Wo ist überhaupt die Grenze zwischen Komplimente machen, Höflichkeit, Übertreibungen, Schmeicheleien und Lügen?
1
#13
22.6.17, 15:51
So kleine "Notlügen", um jemanden nicht zu kränken, sind manchmal ganz angebracht.
 Aber im allgemeinen halte ich mich lieber an die Wahrheit. Dabei habe ich ein besseres Gefühl.
Was mache ich aber, wenn die Wahrheit zu hart ist? Wenn ich zum Beispiel weiß, daß eine Freundin nicht mehr lange zu leben hat? Ich versuche ihr immer wieder Hoffnung zu machen. Das kann ich sogar mit einem guten Gewissen, weil es ja immer wieder Wunder gibt und man die Hoffnung nicht aufgeben sollte.
#14
22.6.17, 16:45
Irgendwann kommt die Wahrheit immer ans Licht bei extremen Lügen. Ich halte da auch nichts von und sags lieber so wie es ist.
Ich glaube lügen und flunkern sind auch zwei verschiedene Sachen. Fremde Menschen anzulügen um sich selbst und sein Privatleben zu schützen find ich legitim, weil manche Leute Fragen stellen, die sie absolut nichts angehen. Notlügen sind auch Lügen, nur oft gibt es keine Alternative sie anzuwenden, um den anderen nicht zu verletzen. Aber ich bleib dabei.....die Wahrheit siegt immer.
2
#15
22.6.17, 17:14
privat bin ich katholisch und versuche, so ehrlich wie möglich zu sein ... ich möchte nicht in die Hölle kommen, da sind so viele Idioten :o)
in meinem Beruf lässt sich geschicktes Lügen manchmal nicht vermeiden und ich stelle mit Entsetzen fest, dass ich richtig gut darin bin *ohwei*
#16
22.6.17, 17:36
@Agnetha: Beruf zählt nicht, da darf man das 😄😂 ich glaube wir haben den gleichen 😎
4
#17
22.6.17, 18:33
Nun, am 25.06.2017 ist der 6. Todestag meiner besten Freundin....
Ich habe sie ein paar Wochen vor ihrem Tod in der Palliativstation besucht und es war klar, daß sie ihre Pläne nicht mehr würde umsetzen können...
Sie meinte, wenn sie wieder raus käme, müßte sie ihren Ausweis verlängern lassen und das Weinfest, daß vor der Tür stand, wollen wir ja auch wieder zusammen besuchen....
Und da sie ja so lange im Krankenhaus war, bliebe ja noch eine Menge zu tun....
Ich habe ihr zugestimmt...genaugenommen glatt gelogen...
Was hätte ich tun sollen ?
Ihr die Wahrheit sagen und ihr das Sterben noch schwerer machen ?

Und was die Wahrheit betrifft...Die hat viele Facetten...
Oder gibt es die einzige Wahrheit ?

Letztendlich finde ich den Beitrag von Kriss nicht schlecht, aber er enthält viel pauschales...

Just my 2 cents
2
#18
22.6.17, 18:43
@Geierchen: ich erinnere mich an diese, deine, Zeit. du warst damals sehr down. 
Ich selbst mache seit einem Jahr intensiv Sterbebegleitung. Auch ich muss oft Lügen, um den sterbenden Menschen nicht noch mehr zu beunruhigen. 
Ich hab doch lieber von meiner Seite aus eine kurze Lüge, als wenn ich den Sterbenden noch mit der Wahrheit konfrontiere.

Lüge und Wahrheit hat wahrlich viele Facetten. Danke für deinen Einwurf. 
1
#19
22.6.17, 19:07
Lügen beinhalten immer eine gewisse Boshaftigkeit zum Vorteil des Lügners und zum Nachteil des Angelogenen. 
Es gibt aber auch Unwahrheiten, denen diese Boshaftigkeit fehlt. Im Gegenteil, sie sind freundlich gesinnt und oft haben sie mehr Vorteile als Nachteile für den Angesprochenen. Das sind für mich keine Lügen. 
Und dann gibt es Wahrheiten, die viel boshafter sind, als so manche Unwahrheit. Und die sind schlimmer als Lügen. 
Also für mich zählt die freundliche Stimmung mehr als die Wahrheit. Aber je näher sich zwei Menschen sind, umso ehrlicher sollten sie zu einander sein. Dann kann man eine unangenehme Wahrheit auch behutsam oder freundlich verpacken. Und man kann selbst signalisieren, in welchen Punkten man die Wahrheit hören will oder lieber in Unwissenheit bleibt.
#20
29.6.17, 23:37
@Maeusel: Aus eigener Erfahrung möchte ich ergänzen: Wenn du wahrhaftig bist, versteht dich dein Freund sehr gut, auch wenn er dem Tod ins Auge schaut. Und du mit ihm. Diese Gemeinsamkeit ist wichtig. 

Verfasse einen Kommentar

Emojis einfügen