Plastikfrei einkaufen: Unverpackt-Laden 'ohne PlaPla' im Interview

Feste Seifen, Körperlotion zum Abfüllen, Bambuszahnbürsten: Das und vieles mehr gibt es in der plastikfreien Drogerie in Stuttgart zu kaufen. Wie das funktioniert, erfährst du im Interview mit Geschäftsführer Hergen Blase.
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Unverpackt-Läden erfreuen sich immer größerer Beliebtheit in Deutschland – mittlerweile zählt der Unverpackt-Verband 300 bereits bestehende oder geplante Läden. Viele Menschen sind dem Konzept gegenüber aber kritisch, schließlich ist das ja ein viel größerer Aufwand und teurer auch noch! Stimmt das? Hergen Blase, Geschäftsführer des Ludwigsburger Unverpackt-Ladens „ohne PlaPla” und der ersten plastikfreien Drogerie in Stuttgart, stellt sich unseren Fragen.

Frag Mutti: Wie kamst du auf die Idee mit dem Unverpackt-Laden und mit der plastikfreien Drogerie? 

Hergen: Mit dem Unverpackt-Laden: Das war ein Prozess. Ich war 18 Jahre lang bei Kaufland beschäftigt und dort knapp zehn Jahre lang für das Thema Nachhaltigkeit zuständig, habe den Bereich dort auch aufgebaut und war mit all diesen ökologischen und sozialen Themen rund um Lebensmittel konfrontiert. Dadurch habe ich mich unter anderem auch mit den Themen Verpackung und Plastik auseinandergesetzt und die Unverpackt-Szene, die 2014 ungefähr ihren Lauf genommen hat, verfolgt. Nachdem mit Kaufland Schluss war, habe ich lange überlegt, was ich tun will und bin zu dem Entschluss gekommen, dass ich weiterhin will, dass das Thema Nachhaltigkeit mich berufstechnisch begleitet und Lebensmittel machen mir auch Spaß. So kam dann der Entschluss: In Ludwigsburg, wo ich wohne, fehlt ein Unverpackt-Laden und das Thema wird immer wichtiger, deshalb mache ich hier einen auf. 

Stuttgart war etwas anderes, das war eine recht spontane Geschichte mit der Drogerie. Der Inhaber von Greenality (Anm. d. Red.: Ein nachhaltiges Bekleidungsgeschäft in der Stuttgarter Innenstadt), Markus Beck, kam auf mich zu und meinte „Hey, wir haben in unserem ehemaligen Herrenladen eine freie Fläche, ich möchte da ein nachhaltiges Konzept drin haben, hast du nicht Lust, dort einen Unverpackt-Laden reinzumachen.” Ich habe mir das angeschaut – er hatte sich Lebensmittel vorgestellt, aber das war nicht möglich, die Fläche war zu klein, es gab keine Lagermöglichkeiten, vom Handling her war da keine Chance. Somit kam dann die Idee, wie es mit einer Drogerie wäre. Gerade im Badezimmerbereich oder in der Küche fällt extrem viel Plastik an, und so ein Angebot gibt es in Stuttgart noch nicht. So war die Idee einer plastikfreien Drogerie geboren, die wir dann relativ kurzfristig umgesetzt haben: Die Entscheidung fiel im Juli 2020 und im Oktober haben wir schon aufgemacht. Vor kurzem haben wir dann zusammen mit Greenality noch einen Onlineshop auf den Weg gebracht.

...oder die Ware ist, wie hier die Denta-Tabs zum Zähneputzen, in Glasbehältnisse gefüllt. So fällt in der Stuttgarter Drogerie kein Müll aus Plastikverpackungen an.

Frag Mutti: Stichwort Drogerie: Gibt es auch plastikfreies Make-up? Oder gilt „plastikfreie Drogerie” eher für alltägliche Produkte wie Seife, Shampoo, Zahnbürsten und Zahncreme? 

Hergen: Unsere Produktpalette geht von Zähnen zu Rasur über Körperpflege bis hin zu Make-up. Verschiedene Denttabs, Zahncreme zum Abfüllen, Bambuszahnbürsten, Zahnseide, Körpercreme und Lotion zum Abfüllen, Rasierhobel, Aftershave und Co. im Mehrweg-Pfandglas. Dann haben wir Shampoos, feste Seife, das Übliche. Deo zum Abfüllen, Badespaß zum Abfüllen – ich glaube, da waren wir die ersten, die etwas Vergleichbares im Sortiment hatten. Make-up ist das schwierigste Thema, in dem Bereich hatten wir in Ludwigsburg bisher gar nichts. Für Stuttgart haben wir dann intensiver gesucht und nur zwei Firmen gefunden, die in Teilbereichen unseren Kriterien und Anforderungen entsprechen. Die bieten dann Foundation, Lidschatten, Puder und solche Produkte an. Das gibt es in Bambus verpackt, in Nachfüllpacks und plastikfrei. Außerdem achten wir auf palmölfreie Produkte, das ist neben plastikfrei das zweite Kriterium auf das wir bei unserem Sortiment Wert legen, und das macht es im Make-up-Bereich schwierig, denn entweder ist Plastik oder Palmöl im Spiel. 

Frag Mutti: Sind eure Hersteller alle deutsch oder seid ihr internationaler unterwegs, also in ganz Europa? 

Hergen: Bei den Drogerieartikeln schon überwiegend deutsch. Aus den Niederlanden kommt noch etwas, aus Dänemark der Lippenstift, aber ansonsten ist alles deutsch. 

Frag Mutti: Von Dänemark nach Süddeutschland ist ja jetzt nicht der kürzeste Lieferweg. Ist das einfach der Tatsache geschuldet, dass es so wenige Hersteller gibt, die euren Anforderungen entsprechen? 

Hergen: Das ist der Punkt. Wenn wir etwas Regionales finden würden, das in Stuttgart oder in der Umgebung zu haben ist, gerne. Lippenstift in der Papierhülse gibt es aber meines Wissens nach nur diesen einen, der aus Dänemark kommt, das ist wie im Lebensmittelbereich auch. Da schaut man, dass man die Dinge so regional wie möglich herbekommt, aber auch da sind Grenzen gesetzt. Es gibt bestimmte Produkte, die kommen leider von weiter her, weil sie hier nicht wachsen oder nicht produziert werden. Darauf muss man aus meiner Sicht zurückgreifen, weil es ein gutes Angebot ist. Es ist immer eine Abwägung: An erster Stelle steht regional, dann Deutschland, dann Europa und dann weltweit. Wir haben einen globalen Markt, den wir verstärkt wieder regionalisieren müssen, aber dem sind auch Grenzen gesetzt. Ich finde, das globale Wirtschaften ist grundsätzlich nicht schlecht und zu verdammen. Es gibt viele Dinge, bei denen es Sinn ergibt, dass sie woanders hergestellt und produziert werden, aus rein klimatischer Sicht. Dann soll es aber unter der Berücksichtigung von sozialen und ökologischen Gesichtspunkten passieren. So hilft man auch Menschen in anderen Teilen der Welt dabei, ihr Geld zu verdienen. Es sollte ein gesunder Mix sein. Gerade im Nonfood-Bereich, beim Thema Trinkflaschen oder Brotboxen kommen die Produkte nahezu alle aus Fernost, da gibt es leider so gut wie gar nichts in Deutschland. 

Frag Mutti: Aber innerhalb dieser Grenzen versucht ihr, so gut wie möglich das Gleichgewicht zu halten? 

Hergen: Auf jeden Fall. Was die Badezimmer-Produkte betrifft haben wir ganz viele regionale Sachen, Dinge aus Stuttgart und der Umgebung. 96 Prozent oder mehr kommt aus Deutschland und es sind nur zwei, drei Lieferanten, die in anderen Ländern oder im Grenzbereich von Deutschland produzieren.

Wenn die Produkte im Verkaufsraum ausliegen, gibt es einige Verpackungsmöglichkeiten: Entweder dem Namen getreu ganz unverpackt...

Frag Mutti: Wie sind die Produkte eigentlich verpackt, wenn sie im Verkaufsraum ausliegen? 

Hergen: In Ludwigsburg haben wir für die losen Lebensmittel Glasröhren – es gibt andere Unverpackt-Läden, die haben ihre Produkte in Plastikröhren mit einem Hebel dran, bei uns ist es ein Holzgriff und den drückt man herunter, hält sein Behältnis unter die Glasröhre und füllt sich so viel ab wie man möchte. Das ist auch das Schöne, man kann sich ganz kleine Mengen abfüllen, was auch dazu beiträgt, dass die Lebensmittelverschwendung reduziert wird. So kann man auch für einen Single-Haushalt mal nur 50 Gramm von etwas kaufen oder bei Gewürzen, von denen man ja nur wenig braucht, auch nur zwei Gramm statt 40. Neben den Glasröhren gibt es noch Gastronomie-Behältnisse, Edelstahlbehältnisse mit Deckel, aus denen man sich Produkte mit einer Schöpfkelle abfüllen kann oder große Gläser, aus denen man sich mit einem Löffel das Produkt herausholt. Einiges haben wir auch in Mehrweggläsern, aber bestimmte Dinge wie Aufstriche gibt es derzeit leider nur in Einweggläsern, sowas kommt also auch vor. 

Frag Mutti: Und wie sieht es mit der Anlieferung aus? 

Hergen: Zum größten Teil erfolgt die in großen Papiersäcken mit 10, 20 oder 25 Kilo Fassungsvermögen. Anfangs kam einiges in Plastiksäcken, zum Beispiel Cornflakes oder klebriges Müsli mit Honig, aber das wird auch immer weniger. Von regionalen Lieferanten bekommen wir überwiegend, also fast zu 80, 90 Prozent, Produkte in Mehrwegverpackungen: Kaffee aus einer Rösterei in Waiblingen kommt im Mehrwegeimer, Nudeln aus Korntal kommen ebenfalls in Mehrwegeimern. Es gibt sogar einen Großhändler, der Unverpackt-Läden beliefert und einiges in Mehrwegeimern anliefern lässt. Der Mehrweganteil steigt, sprich, es entsteht null Verpackungsmüll. 

Frag Mutti: Verderben die Lebensmittel denn schneller oder gehen schneller kaputt, wenn sie ohne Plastik verpackt sind? 

Hergen: Die Erfahrung haben wir noch nicht gemacht. Ich glaube, die Produkte sind in der Großverpackung auch gut geschützt. Es passiert mal, dass so ein Sack beim Transport geöffnet wird oder die Palette hängen bleibt, aber das kommt ganz selten vor. 

Frag Mutti: Und im Verkaufsraum gibt es auch keinen erhöhten Verderb? 

Hergen: Die rieseln im Prinzip so schnell durch die Glasröhren, dass da nichts passiert. Wir haben vereinzelt mal Produkte, bei denen das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist, die testen und probieren wir dann auch. Das MHD ist ja auch so angelegt, dass noch viel Luft nach oben ist. Wenn alles noch in Ordnung ist, kennzeichnen wir sie entsprechend und verkaufen sie dann reduziert weiter.

Frag Mutti: Was passiert mit den Produkten, die nicht mehr verkauft werden können? 

Hergen: Unterschiedlich, wir nehmen sie manchmal mit nachhause, wenn sie sich noch verarbeiten lassen. Klar, wenn eine Sache schimmelt, dann muss sie weg, aber Druckstellen kann man ja einfach abschneiden, dann geht das an die Mitarbeiter. Ansonsten muss es in den Bioabfall oder in den Abfall. Im Molkereibereich, wenn ein Joghurt abläuft, nehmen wir ihn auch mit nachhause. Wir haben auch schon Anfragen von den Tafeln bekommen und ich habe mir auch Gedanken gemacht, ob wir mit Foodsharing-Einrichtungen kooperieren können, nur fällt so wenig an, dass man so gut wie nichts verteilen kann. Es ist ja auch schön und gut, wenn wir kaum Lebensmittelabfälle haben. Wie gesagt, am ehesten beim Obst oder Gemüse, und wenn da etwas schimmelt, kann man es nicht weitergeben. Ansonsten sind es so geringe Mengen – da ergibt es keinen Sinn, jemanden kommen zu lassen, um drei Bananen abzuholen. 

Frag Mutti: Was ist die, sagen wir mal, „Mission” von ohne PlaPla? 

Hergen: Unser dauerhaftes Ziel ist, unsere Kunden zufriedenzustellen und immer mehr Leute zu erreichen. Deshalb haben wir hier auch ein Ambiente geschaffen, das einfach einlädt, das Spaß macht. Ich glaube, es ist einfach ganz wichtig, dass man den Laden und das Drumherum so gestaltet, dass sich jeder willkommen fühlt und nicht nur eine spezielle Nische sagt „Ah ja, das ist genau meins”, sondern dass wirkliche alle Menschen damit erreicht werden. Das ist unsere Mission; klar, insgesamt das Thema Plastik vermeiden und reduzieren stärken, und auch in anderen Branchen die Leute animieren, die ersten Schritte in diese Richtung zu gehen. Bei anderen Dienstleistern lässt sich noch viel tun – egal, ob es der Friseursalon ist, oder der Maler, der mit ökologischen Farben arbeitet, ich denke, in ganz vielen Bereichen kann man Dinge tun, um andere anzustecken. Wir versuchen uns zu vernetzen, auf andere zuzugehen und gemeinsam etwas zu entwickeln, nicht nur im Bereich Lebensmittel oder Drogerie, sondern einfach weiterzudenken. Auch in der Gastronomie sind Kontakte da. Warum muss ich mit Einwegbehältern um mich schmeißen, wenn es gerade in Ludwigsburg die Firma Rieber gibt, die mit einzelnen Ludwigsburger Gastronomie-Händlern ein Mehrwegsystem auf den Weg bringen will? 

Im ersten Teil dieses Interviews haben wir mit Hergen speziell über ohne PlaPla in Ludwigsburg und die plastikfreie Drogerie in Stuttgart gesprochen. Welche Tipps er hat wenn es ums plastikfreie Einkaufen geht und wie die Preise in einem Unverpackt-Laden zustande kommen, erfahrt ihr im zweiten Teil! Nun wollen wir aber wissen: Wart ihr schon mal in einem Unverpackt-Laden? Wenn ja, geht ihr dort regelmäßig einkaufen oder achtet ansonsten auf euren Plastikkonsum? 

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