Spuckt der Automat was aus und es ertönt wohltuendes Geldgeklimper, so ist ein Glückszustand erreicht, den man wieder haben mag – wie bei anderen Süchten auch.

Spielsucht bekämpfen: Glücksspiel am Spielautomaten

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Bei den Glücksspielen steht der Spielautomat beim Suchtpotenzial weit oben. Von einhundert Personen, die am Automat spielen, sind laut einer Untersuchung aus dem Jahr 2007 (Bühringer et. al.) etwa sieben gefährdet, dem Automat ihren Lebensinhalt zu widmen. Da nicht wie beim Alkohol eine Fahne oder ein Rauschzustand vorhanden ist, kann die Sucht verdeckt werden, bis das schwindende Geld Probleme macht und die Fassade bröckelt.

Was passiert am Spielautomat?

Alle paar Sekunden versprechen die Automaten mit einem neuen Spiel neues Glück. Dabei muss nicht gewonnen werden, schon Fast-Gewinne reichen fürs Glücksgefühl aus – und auf geht es in die nächste Runde. Die Hersteller der Spiele lassen sich einiges einfallen: Da gibt es eingängige Spielmelodien, die auch dem Nicht-Spieler aus Gaststätten bekannt sind, und die bei Bonusrunden an Fahrt gewinnen. Und natürlich sind auch die Grafiken, die Frucht-, Abenteuer- oder 3D-Automaten zum Leben erweckend, strategisch ausgeklügelte Produkte, die noch nicht einmal gut aussehen müssen. Spuckt der Automat was aus und es ertönt wohltuendes Geldgeklimper, so ist ein Glückszustand erreicht, den man wieder haben mag – wie bei anderen Süchten auch. Letzten Endes macht nur noch Spielen glücklich, und es zählt nur noch der Spielautomat.

In Spielhallen ist der Kunde König

Von außen wirken Spielhallen mal trüb und dunkel, mal schrill und abgefahren. Drinnen kurbeln Lichtaussteuerung und Klimatisierung die Umsätze an. Das meist weibliche Personal bietet kostenfrei Getränke und Snacks. Kaffee gibt es rund um die Uhr, Tag und Nacht verschwimmen. Die Kundinnen und Kunden sollen möglichst lange gehalten werden. Den Spruch, dass Glücksspiel süchtig macht, kennt jeder, und so wird er auch nicht weiter beachtet. Da hilft es nur bedingt, dass das Personal geschult ist und sichtbar Spielsüchtige ansprechen soll. Fürs Glück geht man notfalls eine Spielothek weiter. Spielstätten gibt es genug, ihre Zahl hat in den letzten Jahren zugenommen. Mit der letzten Novelle der Spielverordnung, die in den Spielhallen aushängt, sollte der Spielerschutz gestärkt werden. Die Verordnung regelt zum Beispiel, dass maximal 60 Euro pro Stunde verloren werden können und die Gewinnaussichten pro Stunde nicht über 400 Euro liegen. Verdienen tun auf alle Fälle die Betreiber sowie der Staat, während die Spielerinnen und Spieler auf Strategie oder auf gut-Glück spielen, ihr Geld liegen lassen und häufig in eine Schuldenfalle treten.

Wie kommt man aus der Spielsucht raus?

Die Wege, um aus der Spielsucht rauszukommen sind unterschiedlich. Ehemalige Spielsüchtige berichten, dass sie so geschockt waren, als sie an das Sparschwein der Kinder gegangen sind, und dass ihnen genau dieses negative Erlebnis den Boden für den Ausstieg bereitete. Doch das ständig rufende Belohnungszentrum im Gehirn ist stark und häufig braucht es Unterstützungsangebote von außen, um das Glück nicht mehr in der Spielhölle zu suchen. Wer sich traut kann erst einmal über die telefonischen Beratungshotlines gehen, die kostenlos und anonym angeboten werden:

Beratungsangebot bei Glücksspielsucht der BZgA

0800 – 137 27 00

Expertenhotline Glücksspielsucht der Landesstelle NRW

0800 – 077 66 11

Türkische Beratungshotline bei Glücksspielsucht

0800 – 326 47 62

Russische Beratungshotline bei Glücksspielsucht

0511 – 70 14 664

Wer über seine Spielsucht nicht am Telefon reden mag, kann sich auch an eine Sucht- oder psychosoziale Beratungsstelle vor Ort wenden. Auch Hausärztinnen und Hausärzte sind mit dem Thema vertraut und helfen bei der Zusammenstellung der richtigen Therapie. Für die einen ist eine regelmäßige Gesprächsgruppe wertvolle Unterstützung, es kann aber auch über eine Auszeit in einer Fachklinik nachgedacht werden mit dem Ziel, der Sucht zu entsagen, achtsam mit sich selbst zu werden und die Rückkehr in den Alltag zu planen.

Die Landesstelle Glücksspielsucht in Bayern bietet die kostenfreie App PlayOff für Spielerinnen und Spieler, die entweder aufhören oder kontrolliert weiterspielen wollen. Die App setzt auf verhaltenstherapeutische Methoden, ist mit einer Tagebuchfunktion und einem Wochenplan ausgestattet und bietet eine Auswertung über das eigene Spielverhalten. PlayOff ist kostenfrei und steht zum Download für iOS- und Android-Gerät bereit.

Laut der Studie „Glücksspielverhalten und Glücksspielsucht in Deutschland 2015“  der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) ist die männliche Altersgruppe zwischen 21 und 25 Jahren mit 2,7 Prozent am meisten gefährdet, ein problematisches Glücksspielverhalten zu entwickeln. Auch aufgrund dieser Erkenntnis startet die Lotto-Gemeinschaft Baden-Württemberg das Programm „Joker“, das ab September 2016 in der Jugendberufshilfe eingesetzt wird. Es soll Jugendliche vor der Spielsucht schützen. Die dazugehörige App gibt es für alle Interessierten.

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Themen: Geld sparen

3 Kommentare


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#1
30.8.16, 17:00
Ein großes Lob an Dich Targi, das Thema ist wichtig. Denn Spielsucht wird völlig verkannt, die Süchtigen sind nicht aggessiv wie Alkoholabhängige, nicht depressiv wie Medikamentenabhängige. Sie wirken "normal" bis wirklich der letzte Cent von allen Konten abgeräumt ist und kein Freund mehr was rausrückt. Ich habe eine Frau kennen gelernt, die einsam war und am Automaten ein gemütliches Plätzchen gefunden hat. Dort sind andere Leute, dort tönt es geheimnisvoll und anregend, dort gibt es Kaffee und Snacks. Nachdem sie mir ein wenig aus ihrem Leben erzählt hatte, konnte ich dieses Verhalten verstehen. Es gibt eben schnelle Hilfe an diesen Automaten. Die Hoffnung irgendwann zu gewinnen, ist wohl spannend und tut gut, vermute ich. Anderswo Hilfe zu suchen ist viel schwerer.
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#2
31.8.16, 06:28
Hab' heute früh im Fernsehen einen Bericht über die Spielsucht bei Kindern und Jugendlichen gesehen, und zwar am Computer, Tablet oder Handy.
Die Spiele/Apps sind meistens kostenlos, aber um in bestimme Level zu kommen, muss man "Zubehör" kaufen. Das ist ja jetzt ganz einfach mit den "PaySafe"- oder "GooglePlay"-Karten. So werden Kinder schon an die Spielsucht herangeführt, die sie dann bis ins Alter pflegen, wenn sie nicht rechtzeitig den Absprung schaffen.
#3
31.8.16, 09:04
Hervorragender Bericht! Und das ohne den Hauch eines Vorwurfes in Richtung der Betroffenen oder sich angesprochen Fühlenden. Ein brisantes Thema feinfühlig recherchiert. Gut gemacht Targi...

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