Soziologen haben herausgefunden, dass der Trend zum Cocooning sich parallel zur wachsenden Unübersichtlichkeit der Welt entwickelt.

Cocooning – ein Trendwort auf dem Prüfstand

Jetzt bewerten:
4,9 von 5 Sternen auf der Grundlage von

Kurz ein paar Worte in eigener Sache: Allen Verfechtern unserer schönen deutschen Sprache sei versichert, dass es mir nicht darum geht, einen neuen Anglizismus salonfähig zu machen. Vielmehr möchte ich versuchen, einem neuen Trendwort etwas mehr Tiefenschärfe zu verleihen.

Mir ist das Wort „Cocooning“ beim Studium einer Frauenzeitschrift im Wartezimmer eines Arztes erstmals über den Weg gelaufen. Wie jedes mir unbekannte Wort notierte ich es in meinem Notizbuch, um es später daheim in Ruhe zu recherchieren. Da geht es mir wie dem Insektenforscher, der eine neue Käferspezies entdeckt: So etwas will klassifiziert und eingeordnet werden. Bis die deutschen Sprachwissenschaftler ein schönes neues Wort finden, das genau die gleiche Bedeutung wie „Cocooning“ hat, müssen wir uns mit dem Anglizismus arrangieren, oder ihn vermeiden. So, jetzt aber flugs zum Thema.

Tatsächliche Bedeutung & Herkunft

Der Suchmaschinen-Übersetzer (ist euch aufgefallen, wie geschickt hier der Anglizismus Google-Translator vermieden wurde?) übersetzt „Cocooning“ aus dem Englischen mit verpuppen oder sich einspinnen. Im Tierreich bezeichnet dieser Begriff die totale Ruhigstellung einer Insektenlarve in einem Kokon (Puppe) als letzten Entwicklungsschritt hin zum geschlechtsreifen Vollinsekt. So weit, so gut, aber noch nicht wirklich befriedigend. Die Frauenzeitschrift beim Arzt hatte Cocooning als den neuen Trend in Sachen Gemütlichkeit gepriesen, nicht als Nachhilfeunterricht in Biologie. Aber zumindest gibt die schlichte Übersetzung von „Cocooning“ die grobe Richtung vor, in der nach einer tieferen Bedeutung des Begriffs gesucht werden muss.

Übertragene Bedeutung

Der Kokon eines verpuppten Insekts ist als Analogie zu den eigenen vier Wänden eines Menschen zu verstehen. Während aber die eingesponnene Insektenlarve zu völliger Untätigkeit verdammt ist, darf der Mensch sich beim Cocooning frei in seinem Zuhause bewegen und gemütliche Dinge tun. Es handelt sich also um eine bewusste Entscheidung zu mehr Häuslichkeit. In diesem Kontext wurde der Begriff Cocooning erstmals gegen Ende der 1980er Jahre von der amerikanischen Trendforscherin Faith Popcorn verwendet. Warum der Hype um diesen Begriff bei uns erst knapp vierzig Jahre später losgeht, ist mir ein Rätsel. Festzustellen bleibt: Alle medialen Versuche, diesen Trend als NEU zu verkaufen, gleichen der vergeblichen Bemühung auf einen Zug aufzuspringen, der schon lange durchgerauscht ist.

Ein sicherer Hafen

Soziologen haben herausgefunden, dass der Trend zum Cocooning sich parallel zur wachsenden Unübersichtlichkeit der Welt entwickelt. Bedeutet: Je weniger Orientierung der Mensch in unserer schnelllebigen Zeit findet, desto häufiger zieht er sich in sein privates Umfeld zurück. Auch in Krisenzeiten ist diese Tendenz zu beobachten, beispielsweise nach Terroranschlägen oder Naturkatastrophen. Der Handel weiß dieses zutiefst menschliche Verhaltensmuster geschickt zu nutzen und präsentiert ständig neue Produkte, die für noch mehr Gemütlichkeit im eigenen Heim sorgen sollen.

Dieser Rückzug in die häusliche Sicherheit ist aber nicht nur als Flucht, sondern gleichzeitig als Gegenbewegung zum unstillbaren Erlebnishunger der letzten Jahrzehnte zu verstehen. Dazu passt die (natürlich ebenfalls) englische Abkürzung JOMO, die für „The Joy of Missing Out“ (Die Freude am Verpassen) steht. All das hat im weitesten Sinn mit dem ebenfalls schwer im Trend liegenden Hang zu „mehr Achtsamkeit“ zu tun. Nach der Welle des „Das-musst-du-erlebt-haben“ kommt jetzt also die Bewegung des „Das-musst-du-gefühlt-haben“. Was würden wir bloß ohne die cleveren Soziologen machen? Wir wüssten ja gar nicht mehr, was uns gerade so umtreibt…

Die nahen Verwandten des Cocooning

Ein Begriff, der sich langsam aus dem Dunstkreis des Cocooning herauskristallisiert, ist (wie sollte es auch anders sein) ebenfalls ein Anglizismus: Homing. Er ist gut 20 Jahre jünger als das Cocooning und wird bereits als dessen Nachfolgetrend gehandelt. Im Grunde beschreiben aber beide Begriffe ein und dasselbe Phänomen. Ganz neu, aber laut Duden auch schon eingedeutscht, kommt das dänische „Hygge“ daher. Zur Abwechslung also mal ein Skandizismus, wie schön. Dänemark liegt ein Stückchen näher am Polarkreis als Deutschland, was den Trend es sich daheim hyggelig zu machen erklären könnte. Viele Kerzen, am besten ein Kaminfeuer, heißer Tee und selbstgestrickte Socken. Dann noch mit den liebsten Kekse backen und abends ein paar Freunde zu Punsch und Rommé einladen. Winter, du kannst kommen.

Und nun?

Ich persönlich lebe schon lange im Trend des Cocooning, Homing und es-sich-hyggelig-Machens, habe das allerdings immer ganz schlicht als heimelige Gemütlichkeit bezeichnet. Und genau das werde ich auch wohl in Zukunft machen. Es käme mir auch irgendwie seltsam vor einen Freund anzurufen und zu fragen: „Und, hast du heute Abend Lust vorbeizukommen? Wir können voll homingmäßig cocoonen und es uns bis zum Abwinken hyggelig machen…“. Manchmal liegt es auch voll im Trend Oldschool zu sein, oder?

Von
Eingestellt am

30 Kommentare


2
#1
7.12.17, 13:00
Ist das ein Tipp?😮
#2
7.12.17, 14:29
Cocooning=zuhause relaxen. Vielleicht als Tipp gedacht fuer diejenigen, die sich die Vorweihnachtszeit stressig machen.
#3
7.12.17, 15:12
Frag Mutti. de ist eine Seite für Haushalts-Tipps und Rezepte.
14
#4
7.12.17, 15:30
Dann streicht aber bitte auch alle Gesundheitstipps, alle Basteltipps und alles, was nicht Rezept und/oder Haushalt betrifft ... und bitte auch keinerlei private UNterhaltungen, die haben auch nichts mit Haushalt oder Rezepten zu tun. (<= achtung, Ironie!)

Ich finde die Beiträge von Kriss super, bitte mehr davon!
5
#5
7.12.17, 19:43
Verwundert war ich, als ich in einem Einrichtungsjournal las, dass es für hyggelig kein deutsches Wort gäbe.
He, was ist mit behaglich, heimelig und wohlig?
Bei uns in der Region hat man noch ein anderes Wort dafür: muggelig.

Kriss, schönes Thema!
1
#6
7.12.17, 19:54
Dann  bin ich direkt im modernen Trend angekommen, denn ich bin auch gerne in meinem Zuhause, nur wusste ich bislang nicht, dass das heute Cocooning heißt.
Hier im Norden sagen wir muggelig, wenn es in der Stube schön warm ist und dann machen wir es uns komodig.
😍
2
#7
7.12.17, 20:05
@Tessa_, @Kampfente: Bei uns heißt es muckelig. 😄
Und Cocooning nennt man hier: sich einmummeln. Ich finde, das klingt so richtig warm und gemütlich.
1
#8
7.12.17, 20:28
Ist das Nino de Angelo, der sich da im Kokon versteckt? 😂😂😂
5
#9
7.12.17, 20:37
Bei uns heißt es auch muckelig.

Aber solche Themen gehören ins Forum und nicht auf die Tippseite. Habe ich schon öfter angemerkt, aber leider interessiert es keinen.
4
#10
7.12.17, 20:46
@viertelvorsieben: 
Liegt vielleicht auch daran, dass die Tippseite oft ein wenig hinkt und man sich über jeden neuen Beitrag freut. Mir z.B. ist völlig egal, wo was steht. Forum ist nicht so meine Welt, da fühle ich mich nicht muckelig 😅
#11
7.12.17, 20:49
@xldeluxe_reloaded: 😆
Muckelig fühle ich mich nur zu Hause, am warmen Ofen oder im Bett.
2
#12
7.12.17, 21:41
Gemütlich! Das Wort ist sogar ein Germanismus und hat sich in so einigen Sprachen breit gemacht, kennt man auch oft in den USA. 
1
#13
7.12.17, 21:52
:# 9 Viertelvorsieben.
Ich bin ganz deiner Meinung.
Hier wird versucht aus einer Tippseite ein Chat zu machen.
Mancher Tippgeber schreibt mehr als er Kommentare bekommt. 
#14
7.12.17, 22:11
@Geli68: Sieh es mal so: Jeder Klick auf eine Tippseite spült dem Betreiber bares Geld in die Kasse.
Dabei ist es völlig egal, ob der Klick auf den Tipp selbst oder auf einen Kommentar erfolgt.
Wer sollte also ein Interesse haben, den "Chat" hier zu unterbinden?
1
#15
7.12.17, 22:31
@Jeannie: 
Traurig, aber war. Aber manche können einem mit dem privaten Geschreibsel auf den Nerv gehen .Ja gut, ich muss es ja nicht lesen. Sind ja doch immer die gleichen.
10
#16
7.12.17, 23:08
@Geli68: Mecker, mecker, mecker !
Du musst es ja nicht lesen. Dann ließ es auch nicht! Ich lese es gerne!

Wie wäre es, wenn Du selbst mal einen Tipp rein stellst, damit wir wissen, wie es richtig gemacht wird.*g*
3
#17
8.12.17, 05:13
@Geli68: 
Oh je - so dramatisch? Sollte der Betreiber der Seite Deiner Meinung nach kein Geld bekommen oder was ist "Traurig aber wahr"? Oder dass immer die gleichen - also auch ich - Dir auf den Nerv gehen?
2
#18
8.12.17, 08:39
@Geli68 # 3: Nö! Warum gibt es wohl all die anderen Rubriken bei FM?
4
#19
8.12.17, 11:58
Ich glaube den Frauenzeitungen und Frag Mutti gehen die Themen aus. 
Dass man es sich in den eigenen vier Wänden gemütlich oder behaglich macht und dafür noch ein Wort aus dem Ausland braucht! Das soll jetzt ein neuer Trend sein? 

Da kenn ich noch einen: ich würde ihn jetzt mal neudeutsch "Washing" oder „Lavando“ nennen. Das geht so: man dreht den Wasserhahn auf und macht sich die Hände nass und befeuchtet damit dann die Körperstellen, die man erfrischen will. Wahlweise kann man auch einen Lappen (Wash-Lappen) dazunehmen und Soap. Man kann das Washing oder Lavando auch unter der Dusche oder in der Badewanne betreiben, dazu Musik hören oder selbst laut singen. Danach freut man sich selbst und auch die anderen darüber, dass man so erfrischt ist. Sehr zu empfehlen. Ich mache das seit Jahren täglich! Und bin doch immer wieder neu erfrischt. 😜
7
#20
8.12.17, 13:00
@Mafalda: 👍 
Kennste schon Sleeping? Machste jede Nacht und bist morgens ausgeruht. Mehr verrate ich nicht. Kann ja einen Tipp dazu einstellen 😂.
#21
8.12.17, 13:41
Ja, Mister_Y, du schon wieder😂
#22
8.12.17, 14:52
Wann kann man sich schon mal zu Hause eine gemütliche Zeit machen? Ich stehe ständig stundenlang in irgendeinem dieser Staus.
#23
8.12.17, 23:11
@ebenich: 
Staus sind doch auch gemütlich. Da passiert doch nichts und man kann herrlich entspannen, die Nägel feilen, neue Sender im Radio einstellen, das Armaturenbrett säubern, das Handschuhfach aufräumen, die Seitenfächer, andere Autofahrer beobachten, Kontakte knüpfen, Tagebuch schreiben, Einkaufslisten, meditieren.............carpe diem! 😂
2
#24
8.12.17, 23:13
Ich bin froh, wenn ich hier in Flautezeiten überhaupt mal was zu Lesen bekomme und Kriss` Gedanken sind doch immer recht lustig geschrieben und auch oft aufschlussreich. Tipp oder kein Tipp - was soll`s. Wo soll man da eine Grenze ziehen und warum auch überhaupt?

Viel wichtiger ist aber die Frage:
Nino de Angelo? Ist er jenseits von Eden????
3
#25
9.12.17, 14:23
@xldeluxe_reloaded: Nino de Angelo? Ist der nicht schon jenseits von allem?😄
1
#26
9.12.17, 16:32
ist doch scheiß egal. Hauptsache, der Mensch an sich kann sich mal gepflegt zurück ziehen. Müssen wir wirklich immer für alle parat stehen?
Das cocooning hat seine Rechtfertigung.

Ich nenne das ja lieber "Einigeln" oder "Zurückziehen". So what, Silence is golden, das wurde sogar besungen.

Wenn ihr nicht danach leben könnt, dann ist das gänzlich euer Problem.. Ich persönlich nehme mir diese  Auszeit sehr gerne. Ich fühle mich wohl und  niemand kommt zu Schaden. 
#27
9.12.17, 19:37
@HörAufDeinHerz: 
.......eher auf Krawall gebürstet...😂
#28
12.12.17, 22:35
@Mister_Y: Der war gut! Früher (ich bin Jg. 1952) hieß es 'mal: "...Schweigen ist Gold"(Gilt auch für den Tippgeber). Muss ich jetzt mal über "Powernapping" schreiben wie es früher genannt wurde?
#29
12.12.17, 22:39
Es hieß:
Silence is golden but my eyes can see!!!!
Ein ganz großer Unterschied
1
#30
12.12.17, 23:33
@xldeluxe_reloaded: "Es hieß: Silence is golden but my eyes can see!!!! Ein ganz großer Unterschied". Was wollen Sie damit sagen? Wissen Sie ob z. B. meine Fußsohlen 'was' sehen können?

Tipp kommentieren

Emojis einfügen