Utepils, gigil & Co.: Diese Worte haben eines gemeinsam – sie existieren in der deutschen Sprache nicht und benennen Gefühle, für die wir keine Übersetzung haben.

Gefühle, die es in der deutschen Sprache nicht gibt #FunFriday

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Als Deutsche fand ich fremde Sprachen schon immer magischer, kraftvoller und ausdrucksstärker als meine eigene. Wir haben so viele Wörter und Ausdrücke für alles und nichts, aber – ganz den Klischees folgend – fehlt uns die romantische Ader und die Lockerheit, um bestimmte Gefühle zu beschreiben. In diesem Aspekt bleiben wir einfach deutsch: Effizient und auf den Punkt gebracht. Da haben uns unter anderem die Afrikaner, Portugiesen, Dänen und Japaner etwas voraus. 

Wer von euch kennt das Gefühl, vor einem knisternden Lager- oder Kaminfeuer zu sitzen und die Wärme zu genießen? Im Deutschen verlangt diese Beschreibung mehr als zehn Wörter, die Norweger brauchen nur eins: peiskos. Übrigens sind die Menschen aus dem hohen Norden recht kreativ, was ihre Sprache angeht! Von ihnen stammt auch utepils – und wir freuen uns alle darüber, dass die Zeit dafür endlich wieder gekommen ist. Darunter verstehen die Norweger nämlich, ein Bier draußen in der Sonne oder allgemein im Freien zu trinken. Ihre Nachbarn aus Dänemark haben einem anderen besonderen Gefühl und mittlerweile einer Einrichtungsart einen Namen gegeben: hygge oder hyggelig, die kuschlig-vertraute Geborgenheit einer Heimat. 

Etwas romantischer wird es bei den Japanern. Wenn Sonnenlicht durch die Blätter eines Baums hindurchfällt, sprechen sie von komorebi. Ebenso schöne Wortmalerei ist das schwedische mangata – die Reflexion des Mondes auf dem Wasser. Die Türken kennen das auch, sie nennen es gumusservi. Dass einige Beiträge auch aus der deutschen Sprache kommen, hätte man bei den wunderbaren Wörtern aus fremden Sprachen gar nicht gedacht. Tatsächlich aber nutzen englischsprachige Länder ein deutsches Wort, um die Faszination zu beschreiben, die von alten, verlassenen, vielleicht schon zerfallenen Gebäuden und Orten ausgeht: Ruinenlust. Ein deutsches weiteres Wort, dass ich euch an dieser Stelle nicht vor enthalten will, klingt zwar etwas altbacken, hat aber seinen Charme – denn wer war noch nie zaubertrunken? Was für ein schönes Gefühl, so verzaubert von einer Person, einer Sache oder einem Ort zu sein, dass man sich schon fast betrunken fühlt.

Von den Spaniern lernen wir das sobremesa: wörtlich übersetzt bedeutet es ‘über den Tisch hinweg’ und beschreibt auch genau das, nämlich wenn wir uns mit den Menschen unterhalten, mit denen wir eben zusammen gegessen haben. Auch deren Nachbarn aus Portugal geben uns ein Stück Lockerheit im Leben! Desbundar heißt, hemmungslos zu sein und mit ganz viel Spaß die eigene Verklemmtheit loszuwerden. Das passt übrigens super zu mbuki-mvuki, was aus dem afrikanischen Dialekt Bantu kommt und beschreibt das Gefühl, wenn die Musik mal wieder so super ist, dass du dir einfach die Kleider vom Leib reißen willst und tanzen möchtest.  

Wer hatte nicht schon mal den ununterdrückbaren Drang, jemanden herzhaft in den Arm zu nehmen und zu knuddeln, weil man die Person so lieb hat? In Tagalog, der Basis der philippinischen Landessprache Filipino, gibt es das Wort gigil dafür. Fast das gleiche, nämlich das plötzliche Verlangen, jemanden zu küssen, nennt man Basorexia. Das Wort kommt zwar aus dem Englischen, wurde aber aus zwei griechischen Begriffen zusammengesetzt. 

Iktsuarpok – das ungeduldige Warten auf Besuch. Die Inuit benutzen den Begriff dafür, wenn jemand immer wieder aus dem Fenster schaut und darauf lauscht, ob sich der Besuch im nähert. Wir alle kennen das nervöse, aufgeregte Zappeln, wenn noch schnell eine Serviette auf der Kuchentafel zurechtgerückt werden muss, und das Aufspringen, wenn ein Auto durch die Straße brummt. Umso bedrückender ist die Leere danach, wenn sich der Besuch auf den Heimweg macht. Ambuk nennt das Baininger-Volk von Papua-Neuguinea dieses Gefühl. Ihnen zufolge lassen Gäste diese bedrückte Leere und Schwere im Haus der Gastgeber zurück, weil sie leicht reisen wollen. 

Wir alle kennen Heimweh auf unterschiedlich ausgeprägte Arten. Für das schöne, mitunter auch erleichternde Gefühl, wenn wir nach einer Reise wieder in unsere eigenen vier Wände kommen, gibt es im englischen Sprachgebrauch das Wort homefullness. Dabei ist egal, wie lang und weit unsere Reise war – eine Backpacker-Reise durch den brasilianischen Dschungel kann das Gefühl auslösen wie ein Tagestrip auf den nächsten Berg. Apropos Berg! Hattet ihr während einer Gipfelwanderung schon mal den Impuls, euch einfach in die Tiefe fallen zu lassen? Keine Sorge, dieses Gefühl bekommen auch psychisch stabile Menschen und es hat nichts mit einem Todeswunsch oder Masochismus zu tun. Man nennt es l’appel du vide, auf Englisch auch den call of the void, was so viel wie Ruf der Tiefe bedeutet. Dabei handelt es sich lediglich um missverständliche Signale, die der Körper an das Gehirn aussendet. 

Wir beenden diesen Exkurs in fremde Sprachen mit elterlichem Stolz. Warum versuchen Eltern sich manchmal gegenseitig zu übertrumpfen mit den Fähigkeiten und Errungenschaften ihrer Sprösslinge? Wieso ist die Antwort auf “Mein Sohn kann schon krabbeln” ein sehr energisches “Meine Tochter läuft schon und kann ganze Sätze sprechen”? Ganz einfach: Naches. Im Jiddischen beschreibt das die Freude von Eltern über ihr Kind. 

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