Als Prokrastination bezeichnet man eine Arbeitsstörung, die vielen als „Aufschieberitis“ bekannt sein dürfte. Dabei werden zu erledigende Aufgaben ohne ersichtlichen Grund verschoben oder unterbrochen.

Prokrastination, oder: Der kleine Oblomow in uns allen

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Es ist immer wieder schön, wenn für einen wohlbekannten, aber bislang unbenannten Zustand, plötzlich eine zutreffende Bezeichnung auftaucht. Genau das passierte mir vorgestern beim ziellosen Surfen im Internet. Bezeichnenderweise steht der gefundene Begriff in engem Zusammenhang mit meinem Treibenlassen im digitalen Raum. Eine Fügung? Jedenfalls stolperte ich in einem Beitrag über das Wort Prokrastination und sofort war meine Neugier geweckt: Ein bislang unbekanntes Fremdwort! Und das mir, dem leidenschaftlichen Sammler schöner, seltsamer und selten gebrauchter Wörter. Ernsthaft, ich führe stets ein kleines grünes Moleskin-Heft mit mir, in dem ich Fremdwörter und ihre Bedeutung notiere. Und das hier war ein echtes Prachtexemplar: Pro-kras-ti-na-ti-on. Zum Dahinschmelzen, oder?

Sofort googelte ich das Wort. Übrigens: Wusstet ihr, dass „googeln“ seit 2004 offiziell im Duden steht? Doch zurück zum Thema. Wikipedia sei Dank wusste ich kurz darauf, dass das Wort Prokrastination aus den Begriffen „pro“ (für) und „cras“ (morgen) entstanden ist. Es handelt sich dabei um eine Arbeitsstörung, die vielen als „Aufschieberitis“ bekannt sein dürfte. Dabei werden zu erledigende Aufgaben ohne ersichtlichen Grund verschoben oder unterbrochen. Meist zugunsten einer anderen Tätigkeit, die in keinem Zusammenhang mit der eigentlichen Aufgabe steht. Beim Lesen beschlich mich ein unbehagliches Gefühl. Woher kannte der Autor des Textes mich und meine schlechten Angewohnheiten bloß?

An dieser Stelle erklärt sich auch der bereits erwähnte Zusammenhang zwischen meiner Internet-Surf-Tour und dem dabei gefundenen Begriff Prokrastination. Ich war an diesem Tag voller Elan aufgestanden: Endlich wollte ich die längst überfällige Arbeit für mein Fernstudium schreiben. Am Abend zuvor hatte ich bereits meinen Schreibtisch aufgeräumt. Weg mit den angefangenen Origami-Figuren, dem Lötkolben, der Schneidematte, den umherfliegenden Buntstiften, einem unvollendeten Revell-Flugzeug-Bausatz, den ausgeschnittenen Zeitungsartikeln und den Gitarren-Noten. Nichts sollte mich von meiner Schreibarbeit ablenken. Frisch geduscht und mit einer dampfenden Tasse Kaffee neben mir öffnete ich also am Morgen ein neues Word-Dokument, doch Moment…ich hatte meine E-Mails noch gar nicht gecheckt. Das dauert ja nur eine Minute. Dachte ich.

Zwischen belanglosen Werbemails versteckte sich eine Nachricht des von mir abonnierten YouTube-Channels der Darts-Cooperation. Ich klickte den Videolink an und das Verhängnis nahm seinen Lauf. Während ich Michael van Gerwen dabei zusah, wie er seinen Gegner am Dartboard vernichtete, poppte am Bildschirmrand ein Werbefenster von Douglas auf. Oha, dachte ich, woher wissen die denn, dass meine Liebste bald Geburtstag hat? Klick. Hmm, heute 10 Prozent auf alles? Echt ein Schnäppchen. Wie hieß doch gleich der Lieblingsduft meiner Herzensdame? Ich ging ins Bad und wollte gerade den Spiegelschrank öffnen, um nachzusehen, als mir die Zahnpastaspritzer auf dem Spiegel auffielen. Geht ja gar nicht. Also ging ich in die Küche, holte Glasreiniger und Haushaltsrolle und putzte den Spiegel. Toll, wie das glänzte.

Zurück am Rechner merkte ich, dass ich vergessen hatte, nach dem Parfümnamen zu schauen. Egal, bestelle ich halt später, ich hatte zu tun. Aber erstmal einen Schluck Kaffee, uärghs, eiskalt. Ich ging in die Küche und goss mir einen frischen Kaffee ein. Aus dem Hinterhof drang ein lautes Rumpeln durchs Küchenfenster. Ach, da waren die angekündigten Handwerker, die den Seitenflügel neu streichen sollten. Die nächste halbe Stunde beobachtete ich eine Horde original Berliner Bauarbeiter beim Aufstellen des Gerüsts. Erstaunlich, wie schnell das ging, wie zielgerichtet. Apropos zielgerichtet: Siedend heiß fiel mir meine noch nicht mal angefangene Studienarbeit ein. Ich überließ die Bauarbeiter ihrer beneidenswert klaren Aufgabe, setzte mich wieder vor den PC-Monitor und schloss alle offenen Fenster vor meinem Word-Dokument.

Auffordernd blinkte der Cursor auf dem leeren, weißen Hintergrund. Ich tippte die Überschrift und den ersten Satz. Mit einer roten Wellenlinie mahnte mein Rechtschreibprogramm einen Fehler im Wort „Sisyphosarbeit“ an. Ich sollte das „o“ durch ein „u“ ersetzen. Echt jetzt? Mein ganzes Leben lang hatte ich gedacht der Typ mit dem Stein heißt Sisyphos, nicht Sisyphus…das musste ich googeln. Der Wikipedia-Eintrag stellte klar: Eigentlich geht beides, „o“ und „u“. Ich klickte ein paar interessant klingende Querverweise an, und zwanzig Minuten später war ich irgendwie bei Oblomow, dem tragischen Helden in Iwan Gontscharows gleichnamigem Roman gelandet. Und da war es, das Wort: Prokrastination. Oblomow verkörpert den typischen Prokrastinierer, der wie gelähmt und zur Handlungsunfähigkeit verdammt seinem eigenen Untergang entgegensteuert. Das Buch musste ich haben! Also auf zu amazon, ein paar Rezensionen lesen und eine Bestellung machen. Das DHL-Päckchen mit dem Buch ist für morgen angekündigt. Vielleicht schaffe ich es ja vorher noch meine Studienarbeit zu schreiben. Und wenn ich ganz doll motiviert bin, und ihr in den Kommentaren Interesse anmeldet, könnte ich auch mal einen echten Tipp schreiben: Wie überwinde ich die Prokrastination? Da könnte ich ja gleich mal etwas zum Thema googeln…

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20 Kommentare


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#1
25.1.17, 12:11
klasse geschrieben! :)
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#2
25.1.17, 12:39
danke.
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#3
25.1.17, 13:10
würde mich sehr über weitere Artikel über das Thema freuen
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#4
25.1.17, 14:00
Ich glaube, hierin erkennen sich viele wieder... :D
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#5
25.1.17, 14:10
Kriss, du schreibst wie immer super!
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#6
25.1.17, 14:11
Ich erkenne mich zwar wieder, interessiert mich aber eher weniger. Sorry😐
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#7
25.1.17, 14:30
und das Verb dazu heisst prokrastinieren-kann ich auch prima

Danke Kriss endlich hab ich ein Wort für mein Verhalten
Ich seh schon meinen Mann heut Abend fragen:"Schatz hast du endlich alles für den Lohnsteuerausgleich zusammengesucht?"
"Nein Hase tut mir leid....ich war die ganze Zeit dabei zu prokrastinieren "-er wird nicht weiterfragen
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#8
25.1.17, 15:15
Da kommt mir doch vieles sehr bekannt vor - vor allem die Querverweise, die einen immer weiter und weiter von der eigentlich geplanten Arbeit wegführen!
Und was hilft nun dagegen?
Das wäre doch mal eine oder sogar mehrere Überlegungen wert.
#9
25.1.17, 15:29
Ach ja, ich erkenne mich wieder!
Allerdings habe ich nicht den wissenschaftlichen Begriff gewusst, sondern habe es einfach Aufschieberitis genannt. Das ist wohl der volkstümliche Name dafür.
Könnte mir denken, dass das oft bei Studenten (Prüfungen usw.) Probleme bereiten kann.
An der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster gibt es eine eigene Ambulanz dafür.
Mööönsch, die könnte ich auch manchmal gebrauchen!
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#10
25.1.17, 15:47
Kriss, hast Du (k)einen Blog? 😁
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#11
25.1.17, 17:18
Aber wenigsten kann man bei frag-mutti seine Prokrastination voll ausleben 😜
#12
25.1.17, 17:21
ein Tipp gegen Prokrastination, die ich auch bei meinen Kindern anwende:
sich dazu zwingen, die unangenehme Aufgabe wenigstens zu beginnen, und sei es nur für kurze Zeit, z.B. 15 Minuten und sich dann die erste Pause gönnen. So eine kurze Zeit kostet weniger Überwindung, als die Vorstellung, die ganze Aufgabe erledigen zu müssen.
Oft bin ich nach 15 Minuten so vertieft oder zu gut im workflow, dass ich keine Pause brauche, wenn doch, dann habe ich zumindest schon mal 15 Minuten der unangenehmen Tätigkeit geschafft. Die Pause darf dann aber auch nur 15 Minuten lang sein. Am besten mit der Eieruhr arbeiten.

Ein anderer Trick der Selbstüberlistung ist, sich eine noch unangenehmere Aufgabe auszudenken, von denen man sich dann eine aussuchen kann. Das klappt auch bei meinen Kindern: "Was willst du lieber, dein Zimmer aufräumen oder den Müll runter bringen?" "Ich bring den Müll runter"

Bin dann mal weg für 15 Minuten ;-)
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#13
25.1.17, 20:18
Statt deiner Studienarbeit solltest du Bücher schreiben oder dich zumindest bei Zeitungs- oder Zeitschriftenverlagen für die Kolumnen bewerben. Geschichten aus dem Leben. Ich hatte beim Lesen das Gefühl das von mir die Rede ist. Danke für die Unterhaltung.
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#14
25.1.17, 20:40
Ich finde den Text super geschrieben, aber eigentlich dachte ich "FM" wäre ein Tippseite. Und einen Tipp kann ich da nicht erkennen.😉
#15
26.1.17, 19:04
@zerobrain: Hast recht, einen echten "Tipp" erkenne ich da auch nicht, aber der amüsante Beitrag ist in der Schmunzelrubrik eingeordnet, immerhin.
Danke @Kriss . Mir zog es bei jedem Satz die Mundwinkel immer höher und im Übrigen bin ich mir ziemlich sicher, daß du dein Schreibtalent in irgendeiner Form längst irgendwo veröffentlicht hast oder dabei bist. Alles Gute für die Studienarbeit! P. S. Das Wort "Eloquenz"  steht vielleicht auch in deinem grünen Heft?  Ich liebe es . Hat so was Elegantes.😉
Ich gebe gleich mal" Moleskin" in die Suchmaschine ein. Dieses Wort habe ich nämlich vor der Erwähnung hier noch nie gelesen.....
Vorher noch gschwind einen Tee machen und meine Kuschelsocken von der Heizung holen, und noch....😋 Dann kann es losgehn😄
#16
27.1.17, 10:21
wunderbar! Ich erkenne mich wieder und verstehe wie es kommt, dass die Zeit so zerrinnt. Und "Oblomov" werde ich bald mal wieder lesen .
#17
27.1.17, 10:21
wunderbar! Ich erkenne mich wieder und verstehe wie es kommt, dass die Zeit so zerrinnt. Und "Oblomov" werde ich bald mal wieder lesen .
#18
27.1.17, 11:25
Ab und zu muss man einfach alles auf den letzten Drücker machen. Gestern wieder erlebt, konnte mich tagelang einfach nicht in eine Präsentation reindenken und jede Ablenkung wurde freudig begrüßt und genutzt. Kurz vor Abgabetermin bin ich aber dann zur Hochform aufgelaufen, da gings dann plötzlich, es sprudelte nur so und der kümmerliche Entwurf landete im virtuellen Papierkorb. Ich hatte es wirklich versucht, aber manchmal braucht man den Druck auch. Ich jedenfalls meistens bei Präsentationen. 
Allerdings weiß man, dass das Lernen in Form von "Druckbetankung" beispielsweise vor Prüfungen nur sehr kurzfristigen Erfolg hat. Wird die Prüfung verschoben, muss erneut "druckbetankt" werden. 
Der Tipp von Mafalda ist gut. Außerdem motiviert es oft, die ungeliebte Arbeit zusammen mit jemand anderem zu machen, beispielsweise wenns um Keller aufräumen, Umzugskisten packen und Putzen geht. Das kann zu zweit mehr Spaß machen. 
#19
27.1.17, 23:28
@all

Vielen Dank für die zahlreichen und motivierenden Kommentare, da lacht das Schreiberherz. 

Dass meine Beiträge des öfteren keine konkreten Tipps im Frag-Mutti-Stil haben, stimmt ganz genau. Daher stehen sie auch oft in der Schmunzel-Ecke und sollen hier eigentlich nur einen Zweck erfüllen: Euch zu unterhalten. Manchmal lässt sich aber auch der ein oder andere Tipp oder Gedankenanstoß zwischen den Zeilen entdecken :)

@viertelvorsieben: Nein, ich habe bislang keinen Blog...

Euch allen ein schönes Wochenende & bis zum nächsten Mal...
#20
11.2.17, 20:55
Super geschrieben! Hat Spaß gemacht, den Beitrag zu lesen!!

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