Jeannette Walls Roman „Schloss aus Glas“ erwischt seinen Leser mit voller Wucht, oft schonungslos, niemals sentimental und immer authentisch.

Buchtipp: "Schloss aus Glas" von Jeannette Walls

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Eine kurze Vorbemerkung

Manche Bücher unterhalten uns, andere bringen uns zum Weinen, Lachen oder Nachdenken. Das grenzt für mich schon an Magie, denn letztendlich handelt es sich bei jedem Buch nur um einen Haufen bedrucktes Papier in unseren Händen. Die Geschichten entstehen erst im Kopf. Stephen King hat einmal gesagt, zwischen Autor und Leser besteht eine Art telepathischer Verbindung über Raum und Zeit hinweg. Gedanken, die er in seinem Schreibzimmer im US-Bundesstaat Maine zu Papier bringt, werden im Kopf eines tausende von Kilometern entfernten Lesers wieder lebendig. Und das auch noch Jahre oder Jahrzehnte nachdem er sie niedergeschrieben hat. Magie, oder?

Ich habe vor einigen Tagen ein Buch ausgelesen, bei dem diese spezielle Form der Magie (oder Telepathie) stärker zu spüren war als bei vielen anderen Büchern. Es hat ein Stück weit meine Sicht auf die Welt und auf mich selbst geändert. Vielleicht nur momentan, wo die Geschichte noch in mir nachhallt, vielleicht aber auch auf Dauer, wer weiß? Denn auch das gehört zu den Eigenschaften eines guten Buchs: Es kann uns verändern, wenn wir die Magie zulassen.

Das Buch

Selten hat der bekannte Satz „Geschichten, die das Leben schreibt“ so perfekt ins Schwarze getroffen. Jeannette Walls Roman „Schloss aus Glas“ erwischt seinen Leser mit voller Wucht, oft schonungslos, niemals sentimental und immer authentisch. Walls erzählt in ihrem Debütroman auf knapp 400 Seiten die Geschichte ihrer eigenen Kindheit. Sie schildert darin aus der Ich-Perspektive Armut, Entbehrungen und die ständigen Fluchtversuche ihrer Eltern vor Gläubigern, geprellten Vermietern oder dem Jugendamt. Das sind die dunklen und schweren Momente ihres jungen Lebens. Aber sie erzählt auch von den hellen Momenten, der Geschwisterliebe unter den drei Kindern und der ungebundenen Freiheit ihres Nomadendaseins.

Mom und Dad Walls sind ein eingespieltes Team. Auf der einen Seite die egozentrische Mutter, die ihre eigene Weiterentwicklung als vermeintliche Künstlerin über das Wohl der Kinder stellt. Sie betrachtet ihr Leben in ständiger Existenznot als den logischen Preis für ihre Freiheit. Auf der anderen Seite der Vater, ein gutaussehender Tagträumer und Säufer, der regelmäßig einen Plan zum Reichwerden ausbaldowert und ebenso regelmäßig daran scheitert. Jahrelang phantasiert er von dem „Schloss aus Glas“, das er seiner Familie bauen wird, sobald alles besser läuft. Und dann sind da natürlich Jeannette selbst und ihre zunächst zwei, im Verlauf der Geschichte drei Geschwister. Geld und Essen sind im Hause Walls ebenso knapp wie neue Kleidung oder Möbel. Und wenn die Miete mal wieder zu lange nicht gezahlt wurde, macht sich die Familie im Schutz der Nacht aus dem Staub.

Jeannette Walls schildert ihre Erinnerungen an diese Zustände und Erlebnisse ohne jeden Pathos, es bedarf keiner Übertreibung oder Überspitzung, um die Auswirkungen dieser Lebensumstände zu veranschaulichen. Viel zu früh müssen die Kinder Verantwortung für sich selbst, ihre Geschwister und oft genug auch für ihre Eltern übernehmen. Normale Freundschaften mit anderen Kindern sind aufgrund der häufigen, fluchtartigen Umzüge und ihrer nicht zu übersehenden Armut kaum möglich. Beide Elternteile verstricken sich immer tiefer in ihre eigenen Probleme, verlieren ihre Kinder dabei zunehmend aus dem Blick und das Chaos nimmt seinen Lauf.

Die Autorin

„Schloss aus Glas“ verkaufte sich bislang 4,2 Millionen Mal und wurde in 31 Sprachen übersetzt. So arm Jeannette Walls als Kind war, so reich ist sie heutzutage als Erfolgsautorin. Dabei wäre dieser Roman vielleicht nie geschrieben worden, hätte es da nicht dieses eine Schlüsselerlebnis in Jeannette Walls Leben gegeben.

Nachdem sie mit 17 Jahren ihrem „Zuhause“ entflieht, schlägt sie sich nach New York durch und kriecht bei ihrer älteren Schwester unter. Mit Telefonjobs finanziert sie sich ein Studium, zu dem ihr Vater 950 Dollar und einen beim Pokern gewonnenen Nerzmantel beisteuert. 1987, Jeannette ist jetzt 27, bekommt sie eine Stelle als Klatschkolumnistin beim New York Magazine. Sie heiratet einen erfolgreichen Unternehmer und schreibt über das Leben der High-Society New Yorks. Alles läuft gut, wären da nicht ihre Eltern, die mittlerweile in einem besetzten Haus im New Yorker Stadtteil Bronx leben.

Als Jeannette mit dem Taxi zu einer Party fährt, sieht sie aus dem Wagenfenster ihre Mutter, die in einer Mülltonne nach Essbarem wühlt. Zutiefst erschüttert fährt sie nach Hause und beschließt die Geschichte ihrer Familie aufzuschreiben. Das ist die Geburtsstunde von „Schloss aus Glas“. Mittlerweile wohnt Jeannette Walls mit ihrem zweiten Mann, ebenfalls ein Schriftsteller, auf einer Farm in Virginia. Auf dem Grundstück hat sie ein zweites Haus bauen lassen: Für ihre Mutter.

Viele Leute fragen, wie kannst du deiner Mutter vergeben? Aber ich habe ihr nicht verziehen. Ich habe sie und das, was geschehen ist, akzeptiert.“ - Jeannette Walls

Die Fakten

  • Titel: Schloss aus Glas
  • Autorin: Jeannette Walls
  • Originalausgabe: 2005
  • Deutsche Erstausgabe: 2005
  • Verlag: Hoffmann und Campe
  • 384 Seiten (gebundene Ausgabe)
  • ISBN: 978-3-455-08004-9
  • Preis (gebundene Ausgabe): 14,00 Euro

Tipp der Redaktion:

Bei Amazon gibt es das Buch auch als (günstigere) Taschenbuch Ausgabe oder, für alle Kindle-Nutzer, die digitale Kindle Edition.

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