Jeannette Walls Roman „Schloss aus Glas“ erwischt seinen Leser mit voller Wucht, oft schonungslos, niemals sentimental und immer authentisch.

Buchtipp: "Schloss aus Glas" von Jeannette Walls

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4,8 von 5 Sternen auf der Grundlage von

Eine kurze Vorbemerkung

Manche Bücher unterhalten uns, andere bringen uns zum Weinen, Lachen oder Nachdenken. Das grenzt für mich schon an Magie, denn letztendlich handelt es sich bei jedem Buch nur um einen Haufen bedrucktes Papier in unseren Händen. Die Geschichten entstehen erst im Kopf. Stephen King hat einmal gesagt, zwischen Autor und Leser besteht eine Art telepathischer Verbindung über Raum und Zeit hinweg. Gedanken, die er in seinem Schreibzimmer im US-Bundesstaat Maine zu Papier bringt, werden im Kopf eines tausende von Kilometern entfernten Lesers wieder lebendig. Und das auch noch Jahre oder Jahrzehnte nachdem er sie niedergeschrieben hat. Magie, oder?

Ich habe vor einigen Tagen ein Buch ausgelesen, bei dem diese spezielle Form der Magie (oder Telepathie) stärker zu spüren war als bei vielen anderen Büchern. Es hat ein Stück weit meine Sicht auf die Welt und auf mich selbst geändert. Vielleicht nur momentan, wo die Geschichte noch in mir nachhallt, vielleicht aber auch auf Dauer, wer weiß? Denn auch das gehört zu den Eigenschaften eines guten Buchs: Es kann uns verändern, wenn wir die Magie zulassen.

Das Buch

Selten hat der bekannte Satz „Geschichten, die das Leben schreibt“ so perfekt ins Schwarze getroffen. Jeannette Walls Roman „Schloss aus Glas“ erwischt seinen Leser mit voller Wucht, oft schonungslos, niemals sentimental und immer authentisch. Walls erzählt in ihrem Debütroman auf knapp 400 Seiten die Geschichte ihrer eigenen Kindheit. Sie schildert darin aus der Ich-Perspektive Armut, Entbehrungen und die ständigen Fluchtversuche ihrer Eltern vor Gläubigern, geprellten Vermietern oder dem Jugendamt. Das sind die dunklen und schweren Momente ihres jungen Lebens. Aber sie erzählt auch von den hellen Momenten, der Geschwisterliebe unter den drei Kindern und der ungebundenen Freiheit ihres Nomadendaseins.

Mom und Dad Walls sind ein eingespieltes Team. Auf der einen Seite die egozentrische Mutter, die ihre eigene Weiterentwicklung als vermeintliche Künstlerin über das Wohl der Kinder stellt. Sie betrachtet ihr Leben in ständiger Existenznot als den logischen Preis für ihre Freiheit. Auf der anderen Seite der Vater, ein gutaussehender Tagträumer und Säufer, der regelmäßig einen Plan zum Reichwerden ausbaldowert und ebenso regelmäßig daran scheitert. Jahrelang phantasiert er von dem „Schloss aus Glas“, das er seiner Familie bauen wird, sobald alles besser läuft. Und dann sind da natürlich Jeannette selbst und ihre zunächst zwei, im Verlauf der Geschichte drei Geschwister. Geld und Essen sind im Hause Walls ebenso knapp wie neue Kleidung oder Möbel. Und wenn die Miete mal wieder zu lange nicht gezahlt wurde, macht sich die Familie im Schutz der Nacht aus dem Staub.

Jeannette Walls schildert ihre Erinnerungen an diese Zustände und Erlebnisse ohne jeden Pathos, es bedarf keiner Übertreibung oder Überspitzung, um die Auswirkungen dieser Lebensumstände zu veranschaulichen. Viel zu früh müssen die Kinder Verantwortung für sich selbst, ihre Geschwister und oft genug auch für ihre Eltern übernehmen. Normale Freundschaften mit anderen Kindern sind aufgrund der häufigen, fluchtartigen Umzüge und ihrer nicht zu übersehenden Armut kaum möglich. Beide Elternteile verstricken sich immer tiefer in ihre eigenen Probleme, verlieren ihre Kinder dabei zunehmend aus dem Blick und das Chaos nimmt seinen Lauf.

Die Autorin

„Schloss aus Glas“ verkaufte sich bislang 4,2 Millionen Mal und wurde in 31 Sprachen übersetzt. So arm Jeannette Walls als Kind war, so reich ist sie heutzutage als Erfolgsautorin. Dabei wäre dieser Roman vielleicht nie geschrieben worden, hätte es da nicht dieses eine Schlüsselerlebnis in Jeannette Walls Leben gegeben.

Nachdem sie mit 17 Jahren ihrem „Zuhause“ entflieht, schlägt sie sich nach New York durch und kriecht bei ihrer älteren Schwester unter. Mit Telefonjobs finanziert sie sich ein Studium, zu dem ihr Vater 950 Dollar und einen beim Pokern gewonnenen Nerzmantel beisteuert. 1987, Jeannette ist jetzt 27, bekommt sie eine Stelle als Klatschkolumnistin beim New York Magazine. Sie heiratet einen erfolgreichen Unternehmer und schreibt über das Leben der High-Society New Yorks. Alles läuft gut, wären da nicht ihre Eltern, die mittlerweile in einem besetzten Haus im New Yorker Stadtteil Bronx leben.

Als Jeannette mit dem Taxi zu einer Party fährt, sieht sie aus dem Wagenfenster ihre Mutter, die in einer Mülltonne nach Essbarem wühlt. Zutiefst erschüttert fährt sie nach Hause und beschließt die Geschichte ihrer Familie aufzuschreiben. Das ist die Geburtsstunde von „Schloss aus Glas“. Mittlerweile wohnt Jeannette Walls mit ihrem zweiten Mann, ebenfalls ein Schriftsteller, auf einer Farm in Virginia. Auf dem Grundstück hat sie ein zweites Haus bauen lassen: Für ihre Mutter.

Viele Leute fragen, wie kannst du deiner Mutter vergeben? Aber ich habe ihr nicht verziehen. Ich habe sie und das, was geschehen ist, akzeptiert.“ - Jeannette Walls

Die Fakten

  • Titel: Schloss aus Glas
  • Autorin: Jeannette Walls
  • Originalausgabe: 2005
  • Deutsche Erstausgabe: 2005
  • Verlag: Hoffmann und Campe
  • 384 Seiten (gebundene Ausgabe)
  • ISBN: 978-3-455-08004-9
  • Preis (gebundene Ausgabe): 14,00 Euro

Tipp der Redaktion:

Bei Amazon gibt es das Buch auch als (günstigere) Taschenbuch Ausgabe oder, für alle Kindle-Nutzer, die digitale Kindle Edition.

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16 Kommentare


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#1
12.7.17, 17:07
Danke für den Tipp, ich habe mir das Buch eben bestellt und freue mich schon darauf es zu lesen.
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#2
12.7.17, 17:20
Klingt interessant und ergreifend. 
@Joschi, wenn du es gelesen hast, melde dich doch mal.
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#3
12.7.17, 18:41
Kriss, bestimmt sehr lesenswert und wie Du es beschreibst erinnert es mich ein wenig an "Die Asche meiner Mutter" von Frank McCourt.
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#4
12.7.17, 18:43
Ich habe das Buch vor einigen Jahren gelesen und war schon betroffen.
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#5
12.7.17, 22:49
Sehr gut, dass es das auch in der Bibliothek gibt. Ich habe es mir schon auf meinen internen Merkzettel gesetzt. So verliere ich es nicht mehr aus den Augen, kann es irgendwann lesen und werde letztlich nicht eine müde Mark dazu bezahlt haben. Danke, das war ein sinnvoller Tipp. Kennzeichen für ein gutes/anspruchsvolles Buch ist übrigens bei uns, dass es die Bibliothek hat.
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#6
12.7.17, 23:34
Ich bin mir nicht sicher, ob ich es lesen möchte............
Es kommt immer auf die Erfahrungen an, die man selbst im Leben gemacht hat, auf die Situationen, in denen man gelebt hat, auf die Orte, in denen man "überlebt" hat......... Für viele Leser sicherlich eine Lektüre, die berührt, die bereichert; für einige möglicherweise aber auch eine Rückführung in Welten, die besser im Verborgenen ruhen sollten..............
#7
13.7.17, 00:51
Buchempfehlungen sind so eine Sache. Was den einen begeistert, muß dem anderen noch lange nicht gefallen.
#8
13.7.17, 09:21
@Arjenjoris: Mach ich, habe gestern angefangen zu lesen.
#9
13.7.17, 10:40
Kriss, kannst du uns nicht ein paar Tipps geben, wie man seinen Schreibstil verbessern kann? Ich selbst lese zwar viel, aber meine Ausdruckweise klingt dennoch oft "holprig".
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#10
13.7.17, 12:47
Danke für den Tipp.

Ich habe das Buch letztes Jahr gelesen. Es ist ein sehr schönes, gut zu lesendes Buch. Trotz des eigentlich traurigen Themas nichts, wo ich zumindest schlaflose Nächte bekommen habe. Bin da sonst eher empfindlich.
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#11
13.7.17, 16:38
Deine Rezension über Schloss aus Glas hat mich richtig neugierig auf dieses Buch gemacht. 

Du hast aber wirklich eine Gabe zum Schreiben.  
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#12
13.7.17, 17:13
@viertelvorsieben: das ist schon richtig, vor allem, wenn eine Rezension nur aus "ja, lesen" oder "nein, nicht lesen" besteht. Kriss begründet hier, was ihm gut gefallen hat und gibt einem genügend Informationen an die Hand, um beurteilen zu können, ob es einen Versuch wert ist.

Ich muss sagen, ich habe von dem Buch noch nie etwas gehört, obwohl es schon 2005 als gebundenes Exemplar erschienen ist und es in meiner Stadtbibliothek sogar vorrätig ist. Ich habe es nach dieser ausführlichen und informativen Rezension gleich auf meine Liste gesetzt, schon weil mich interessiert, wie man lernt, schlimme Erfahrungen zu akzeptieren, die man eben nicht mehr ändern kann.
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#13
13.7.17, 19:31
Rezensionen bringen mir nicht viel. Ich lese sie zwar, besonders die kritischen, mache mir aber gerne selbst ein Bild in dem ich das Buch durchblättere und die ersten Seiten lese. Auch der Schreibstil ist mir sehr wichtig. Wenn der mir nicht zusagt, wäre das für schon ein Grund das Buch nicht zu lesen und sollte es noch so interessant sein.
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#14
13.7.17, 19:47
Habe gerade mitbekommen, dass der Film von dem Buch, im September ins Kino kommt.
Trailer zum Film: https://www.youtube.com/watch?v=z7iUEHSvAMY
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#15
15.7.17, 11:44
@ebenich: 

Da stellst du mir eine schwierige Frage - Ich weiß nicht, ob ich Tipps geben kann, die anderen dabei helfen, ihren Schreibstil zu verbessern. Das ist ein bisschen so, als versuche man jemandem das Schwimmen beizubringen, während man mit ihm gemütlich auf dem Sofa sitzt. Ohne Wasser wird das nichts. Und beim Schreiben lernen ist das leere Blatt Papier (oder das leere Word-Dokument am PC) das, was beim Schwimmen lernen das Schwimmbad oder der See ist...

Ich kann aber gerne versuchen, einen eigenen Beitrag über das Schreiben zu schreiben. Über meine Erfahrungen, Aha-Momente und Wortfindungs-Störungen. Das würde den Rahmen der Kommentare hier sprengen und bietet genug Stoff für einen eigenständigen Text - wäre das von Interesse?

Ein Schriftsteller, dessen Name mir gerade nicht einfällt, hat mal (sinngemäß) gesagt: "Schreiben ist ganz einfach, die Wörter sind ja alle da. Man muss sie bloß noch in die richtige Reihenfolge bringen." Recht hat er ja, aber irgendwie auch nicht :-)

@Tessa_

Vielen Dank für den Filmtipp. Ich habe mir den Trailer angesehen und finde ihn sehr vielversprechend. Kommt auf jeden Fall auf meine To-Watch-List...
#16
15.7.17, 13:31
@Kriss: Hallo Kriss, oh es wäre sehr fein, wenn du das als Tipp schreiben könntest. Ich denke, dass die meisten hier Interesse daran hätten. Bei mir jedenfalls ist es so. Habe Schwierigkeiten damit, mich gekonnt auszudrücken.

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