"Spekulatius schmecken auch im September besser, wenn man sie kurz in heißen Tee taucht. Ehrlich."

Lebkuchen im September

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Gefühlt war dieser Sommer vor allem eines: Kurz. Wenn ich recht überlege, sogar extrem kurz. Kaum waren die Eisheiligen vorbei, wurden die Tage auch schon wieder kürzer. Alles völlig subjektiv, weiß ich doch. Natürlich sind die Sommer meiner Kindheit keinen Tag länger gewesen. Aber damals haben sich sechs Wochen Sommerferien noch wie eine Ewigkeit angefühlt. Auch die Tatsache, dass dieses Phänomen mit dem Alter zu tun hat, ist mir bekannt. Macht es das besser? Für mich nicht. Es beruhigt höchstens etwas, dass ich mit diesem Gefühl offensichtlich nicht alleine bin. Neben dem Alter ist es aber vor allem der Einzelhandel, der das Jahreszeitenkarussell regelmäßig aufs Neue in Schwung versetzt.

So richtig bewusst ist mir das letzte Woche geworden, als ich bei Ullrich am Bahnhof Zoo einkaufen war. Ich schob meinen völlig überdimensionierten Einkaufswagen an Grillkohle und Gartenfackeln vorbei, bog in Richtung Gemüse ab und wäre fast in eine Palette Lebkuchen geknallt. Die hatte eine Woche zuvor dort noch nicht gestanden. Wenn ich mich recht entsinne, war dort die Aktions-Angebotsecke irgendeines schwer angesagten Sommerdrinks gewesen. Jetzt also Lebkuchen. Hinter der weihnachtlich anmutenden Gebäckpyramide entdeckte ich weitere Paletten mit Dominosteinen, Spekulatius und Zimtsternen. Ich schob die Sonnenbrille hoch und schaute auf meine Füße, die sockenlos in ihren Sandalen steckten. Mir lief eine Gänsehaut den Rücken runter, obwohl draußen 25 Grad waren und die Sonne runterknallte. Weihnachten hatte mir Anfang September aufgelauert und mich eiskalt erwischt.

Normalerweise halte ich es mit Lebkuchen genauso, wie mit Windeln oder Motoröl: Brauche ich nicht, beachte ich nicht und kaufe ich nicht. Aber diese völlig unerwartete Konfrontation mit den Weihnachtsnaschereien hatte mich aus dem Gleichgewicht gebracht. Ich beobachtete meine Hand, wie sie reflexartig nach einer Tüte Spekulatius griff und sie in den Einkaufswagen fallen ließ. Dann kaufte ich schnell die restlichen Zutaten für das geplante leichte Sommergericht mit Hühnchen und verließ den Supermarkt. Auf dem Heimweg hielt ich Ausschau nach verräterischen Anzeichen eines vorgezogenen Weihnachtsfestes. Tannenbäume aus Plastik mit Sprühschnee, in den Schaufensterauslagen, irgendetwas in der Art. Nichts, noch nicht mal ein verirrter Weihnachtsmann. Die Leute liefen in Shorts und Trägerhemdchen rum und die allgegenwärtigen Touristen blockierten wie gewohnt die Gehsteige.

Meine Verlobte zog fragend beide Augenbrauen hoch, als ich meine Einkäufe auspackte und dabei die Tüte Spekulatius auftauchte. Bei normaler Skepsis zieht sie eine Augenbraue hoch – beide Augenbrauen oben bedeutet maximales Unverständnis. „Frag nichts“, sagte ich, „das war ich nicht. Das war mein anderes Ich.“ Ihre Augenbrauen wanderten einen weiteren Zentimeter Richtung Haaransatz. Ich schnappte mir die Spekulatius, murmelte etwas von „zu Recherchezwecken“ und verschwand in meinem Arbeitszimmer. Irgendeinen Sinn musste dieser Fehlkauf doch haben, also beschloss ich, das Phänomen der Lebkuchen im September wirklich zu recherchieren. Ich fuhr den Rechner hoch und machte mich auf einen virtuellen Ausflug in die Welt von Christstollen und Co.

Der Einzelhandel, so erfuhr ich, hat die mir als Weihnachtsgebäck bekannten Leckereien schon vor geraumer Zeit in „Herbstgebäck“ umgetauft. Das erklärt auch den Verkaufsstart zum meteorologischen Herbstanfang am ersten September. Gesetzlich geregelt ist das nicht, da haben die Händler völlig freie Hand. Derweil schimpft die Kirche, genauer gesagt Herr Thies Gundlach, seines Zeichens Vizepräsident der Evangelischen Kirche in Deutschland: „Die durchgängige Kommerzialisierung der christlichen Feste ist uns nicht recht.“ Aha, dachte ich, Spekulatius im Herbst gehören also zu den verbotenen Früchten. Das macht sie doch gleich etwas interessanter.

Völlig anders als Herr Thies sieht das indes Hermann Bühlbecker, Inhaber des großen Lebkuchenherstellers Lambertz: „Von Weihnachten haben wir das Gebäck schon lange gelöst, indem wir es mit dem Herbst verbunden haben.“ Kirche und Konsum, der ewige Streit. Wahrscheinlich sind auch schon die Händler vor über 2000 Jahren aus dem Tempel geflogen, weil sie Lebkuchen im Herbst verkauft haben. 900 Gramm, las ich, ist der jährliche Pro-Kopf-Konsum an Herbst- oder Adventsgebäck. Da hatte ich mit meinen 200 Gramm Spekulatius ja schon ein gutes Fünftel meines Solls erfüllt. Prima.

Am Rande kriegte ich mit, wie meine Verlobte ins Zimmer kam und sich die Spekulatius schnappte. Ich las weiter. Ab Mitte Oktober schließen die Weihnachtsmänner aus Schokolade zur Lebkuchen-Vorhut auf. Derweil sitzt Herr Bühlbecker daheim, beobachtet das Thermometer und hofft auf einen Temperatursturz. „Wir hoffen, dass es kühler wird, dann greifen die Leute noch mehr zu.“ Ich ging in die Küche, um mir ein Glas Wasser zu holen. Dort war es dämmrig, die Vorhänge waren zugezogen und auf dem Tisch brannte eine Kerze. „Setz dich“, sagte meine Verlobte und goss mir eine Tasse Tee ein, „es ist schon erster Advent bei uns.“ Sie schob mir den Teller mit den Spekulatius rüber. Ich griff zu.

Und mein Tipp? Ganz einfach: Spekulatius schmecken auch im September besser, wenn man sie kurz in heißen Tee taucht. Ehrlich.

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