Plastikfreies Einkaufen: Wissenswertes über Unverpackt-Läden

Plastikfreies Make-up und Kosmetika sind ein heikles Thema in Unverpackt-Läden, denn es gibt nicht viele Händler, die solche Produkte anbieten.
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Im ersten Teil unseres Interviews hat Hergen Blase bereits vom Werdegang seines Unverpackt-Ladens „ohne PlaPla" in Ludwigsburg erzählt. Ihr habt erfahren, auf welche Kriterien bei der Auswahl neuer Händler geachtet wird und wie die Produkte verpackt sind, wenn sie im Laden angeliefert werden. Aber wie kam die Unverpackt-Bewegungn überhaupt zustande? Und wie hat sich das Thema in den letzten Jahren entwickelt? Diese Fragen beantwortet der „ohne Plapla"-Gründer im zweiten Teil des Interviews.

Frag Mutti: Gibt es eigentlich etwas, das man nicht plastikfrei herstellen und verkaufen kann? 

Hergen: Im Make-up-Bereich gibt es viele Dinge, die wir einfach nicht gefunden haben oder die es laut unserer Recherche auch noch gar nicht gibt. Gerade was das Thema Pumpspender angeht, denn sie sind ein ganz wichtiges Utensil, um Produkte aus dem Glasfläschchen hygienisch zu dosieren oder zu entnehmen. Pumpspender gibt es noch nicht komplett plastikfrei, zumindest das Innenleben oder das Röhrchen ist aus Plastik. Gut, so etwas ist kein Einweg-Gegenstand, man benutzt so etwas ja ewig. Ansonsten geht, würde ich sagen, fast alles plastikfrei.  Wobei man aber auch sagen muss, dass die Ökobilanz einer Plastikverpackung nicht immer automatisch schlechter ist als zum Beispiel von einer Papierverpackung, da muss man genau hinschauen, das hängt von vielen Faktoren ab. Deswegen versuchen wir so viel wie möglich ganz ohne Verpackung anzubieten.

Frag Mutti: Glaubst du, die Verbreitung von Unverpackt-Läden wird über die Jahre zunehmen? 

Hergen: Ich glaube, das wird deutlich zunehmen. Als wir in Ludwigsburg vor knapp zwei Jahren geöffnet haben, waren es ungefähr hundert Läden. Zwischenzeitlich sind es um die 300, davon haben vielleicht noch nicht alle geöffnet, aber es zeigt sich schon diese Steigerung der Unverpackt-Läden. Man merkt es ja auch um Ludwigsburg herum – uns gab es damals, Stuttgart, Karlsruhe, Tübingen, Reutlingen und dann war schon fast Schluss. Pforzheim hat kurz vor uns eröffnet und zwischenzeitlich kam Heilbronn dazu, in Besigheim gibt es einen, in Benningen hat einer aufgemacht, auch in Schorndorf, also es sprießt überall heraus, auch in kleineren Städten. Drogerien werden wahrscheinlich auch Schritt für Schritt kommen, aber aus meiner Sicht ergibt das nur in Großstädten Sinn. Mit einem Unverpackt-Laden kann ich Lebensmittel und einen Teil Non-Food anbieten, aber eine Drogerie ist schon sehr speziell.

Frag Mutti: Wie hat die Unverpackt-Bewegung denn in Deutschland angefangen? 

Hergen: Ich bin mir nicht sicher, ob es 2013, 2014 oder 2015 war, da haben die ersten beiden Läden in Berlin und Kiel aufgemacht, und dann hat es seinen Lauf genommen.

Frag Mutti: Und mittlerweile sind es über 300? 

Hergen: Ja, es sind 300 Läden die schon geöffnet haben oder noch in der Planung sind. Ich glaube, in vielen Ländern gibt es diese Läden schon. Wo der erste eröffnet hat, weiß ich ehrlich gesagt gar nicht, aber in Großbritannien gibt es sie in Massen, in Frankreich, in Italien, Spanien, Portugal, Finnland, querbeet durch Europa gibt es Unverpackt-Läden und es werden immer mehr. 

Frag Mutti: Also ist es kein deutsches Phänomen? 

Hergen: Nein. Es ist schon sehr verbreitet in Europa, gerade auch die Franzosen sind sehr bewusst in dieser Richtung unterwegs, auch in Spanien gibt es, glaube ich, schon sehr viel und auch schon seit längerer Zeit. Und in Österreich auch, klar, in Skandinavien, aber auch in den osteuropäischen Ländern kommt es schrittweise. 

Frag Mutti: Würdest du es als Trend bezeichnen, dass man unverpackt einkauft, oder schon als Lifestyle? 

Hergen: Für mich ist es schon eine Bewusstseinsänderung, die stattfindet, und nicht nur ein kurzfristiger Trend. Die Leute haben einfach genug von den vielen Verpackungsmaterialien.

Frag Mutti: Also ist es nicht nur etwas, das man auf Instagram mitnimmt, weil es ein Influencer anpreist, sondern weil man sich mit dem Thema auseinandersetzt? 

Hergen: Es ist ein Prozess, eine Entwicklung. Natürlich gibt es da den einen oder die andere, die da kurzfristig einsteigen, weil ihre Freundin oder ihr Freund das auch macht, weil es einfach in ist und man da auch mitmachen möchte, aber nicht wirklich aus innerer Überzeugung. Oder Leute, die es ausprobieren und dann sagen „Boah, ne, das ist mir doch zu viel, das kann ich nicht”, auch das ist ja alles in Ordnung. Aber die Masse von den Menschen, die zu uns kommen, entwickelt sich auch zu Stammkunden und das ist schön zu sehen. Trotz der Pandemie kamen viele neue Kunden dazu, die gesagt haben „Wir haben jetzt mal darüber nachgedacht, und ich glaube, wir sollten schon etwas ändern und wollen das jetzt auch umstellen”. Da bewegt sich etwas. 

Frag Mutti: Wie hat sich das Thema denn allgemein in den letzten Jahren in Deutschland entwickelt? 

Hergen: Als es Fahrt aufgenommen hat – 2013 bis 2015 – wurde es belächelt. Auch über die Läden wurde gelacht, man dachte, das ist so eine Extrem-Nische, die kaum Beachtung finden würde. Vor allem in den letzten ein bis zwei Jahren hat sich extrem viel verändert, auch durch die mediale Berichterstattung. Das Thema war in den letzten Jahren in den Medien sehr präsent, es gibt immer wieder Berichte – auch auf Privatsendern, von denen man das sonst nicht so erwartet, die sich aber dem Thema angenommen haben und es in die breite Bevölkerungsschicht getragen haben. Es erreicht immer mehr Leute, jeder weiß, dass wir ein riesiges Problem auf der Welt mit Plastik haben. Es sind nicht nur die gigantischen Plastikstrudel im Meer, es ist auch direkt bei uns, auf unseren Äckern, in den Flüssen, es ist in uns drin und ich glaube, das macht dann schon sehr betroffen. Das ist aber erst in den letzten ein bis zwei Jahren passiert. 

Frag Mutti: In einer Studie zu diesem Thema haben Forscher in den Körpern von kürzlich geborenen Kindern Mikroplastik nachgewiesen. Wahrscheinlich wird vielen nach und nach bewusst, dass es uns alle etwas angeht. 

Hergen: Eben, und was es für langfristige Auswirkungen hat wissen wir alle noch nicht. Welche schleichenden Krankheiten man dadurch bekommen kann und was letztendlich im Körper bewirkt – gut ist es bestimmt nicht, es lagert sich ab in den Organen und wird über das Trinkwasser, die Lebensmittel und die Haut aufgenommen. Klar, man findet diese ganzen Nanopartikel, das Mikroplastik auch in Kosmetika, und es findet den Weg in unseren Körper. Deshalb gilt es, darauf verstärkt zu achten und das Thema massiv voranzutreiben und aufzuklären, weil man sieht es eben nicht. Was man nicht sieht, ist erstmal nicht da. 

Frag Mutti: Welche Ratschläge hast du denn für jemanden, der sich zum ersten Mal mit dem Thema beschäftigt und in dem Zug auch in einen Unverpackt-Laden geht? 

Hergen: Einfach mal daheim schauen, was man an Lebensmitteln oft und viel braucht, vielleicht auch was gerade leer ist. Dann nimmt man nur ein Glas, eine Tupperdose oder ein sonstiges Behältnis das man daheim hat – es kann auch ein Stoffbeutel sein – und geht los. Am besten ist es, man fängt mit einfachen Dingen wie Nudeln, Reis, Haferflocken oder Gewürzen an und spricht im Laden die Mitarbeiter an, lässt sich zeigen, was es für Lebensmittel gibt, wie der Ablauf mit Wiegen und Befüllen ist. Auch im Drogeriebereich kann man sich überlegen, was man ausprobieren möchte, ob das jetzt fürs Zähneputzen ist, eine Handcreme die ich mir mal abfülle oder festes Shampoo. Also langsam, Schritt für Schritt, oder man dreht einfach nur eine Runde durch den Laden und schaut sich das Angebot und den Ablauf und wie die anderen Kunden das machen erstmal an. Deshalb haben wir auch einen kleinen Cafébereich eingerichtet: Einen schönen Tisch, an den man sich setzen, einen Kaffee bestellen und einfach mal beobachten kann. Jetzt gerade geht das natürlich nicht.  

Wer zum ersten Mal in einem Unverpackt-Laden einkauft, kann sich mit den vielen Möglichkeiten und Produkten schnell überfordert fühlen. Die richtige Lektüre kann einen plastikreduzierten Lebensstil unterstützen!

Frag Mutti: Was bekommt man denn alles in einem Unverpackt-Laden?

Hergen: Das hängt vom Laden ab. Es gibt auch sehr kleine Läden, die auch im Lebensmittelbereich nur Basisprodukte haben. Ich behaupte mal – ob ich das jetzt selber gesehen hab oder ob andere Kunden das gesagt haben – wir haben schon mit das größte Sortiment. Meine Familie und ich, wir versorgen uns zu 90 bis 95 Prozent aus dem Laden. Einiges an Obst und Gemüse fehlt, weil wir den Markt gleich um die Ecke haben, deshalb ist es bei uns sehr reduziert. Andere Unverpackt-Läden haben da ein größeres Sortiment an Obst und Gemüse, aber bei uns ergibt das keinen Sinn. Der Markt ist gleich um die Ecke, hat dreimal die Woche auf und dort bekommt man auch alles unverpackt. Dafür sind wir, glaube ich, im Trockenfood-Sortiment, bei Molkereiprodukten und auch bei Backwaren top aufgestellt und haben uns da auch sehr entwickelt. Wir haben wirklich versucht, die Kundenwünsche, die die letzten zweiJahre an uns herangetragen wurden, zu erfüllen – nicht jeden einzelnen, aber einiges davon konnten wir doch aufnehmen. Und drogerietechnisch, gut, da ist der klassische Unverpackt-Laden recht schmal aufgestellt. Da gibt es im Prinzip alles, nur im Make-up-Bereich nicht zu 100 Prozent. 

Frag Mutti: Ist es nicht schwer, ganz unverpackt einzukaufen? 

Hergen: Das kommt darauf an, wie die Leute es für ihren Transport einpacken. Man kann vieles in Stoffbeuteln kaufen, im ganzen Trockenfood-Bereich – egal ob Reis, Bohnen, Erbsen, Linsen, Nüsse, Getreide und so weiter – kann man die gut einsetzen, die wiegen so gut wie nichts und lassen sich gut in Taschen verpacken. Klar, Gläser sind immer schwer, aber die Leute kommen auch mit ihren Kunststoffboxen und ähnlichen Behältern, die sind auf jeden Fall leichter als Glas, wenn man das will. Viele wollen von Kunststoff oder Plastik komplett weg, da bleibt dann nur noch das Baumwollsäckchen oder Glas, andere nutzen festere Papierbeutel und haben die auch dauerhaft im Einsatz.

Frag Mutti: Manche sind vielleicht vom Einkauf im Unverpackt-Laden abgeschreckt, weil sie befürchten, dass die Produkte teurer sind. Ist das so? Wie kommen die Preise denn zustande? 

Hergen: Wir haben viele Standardprodukte von einem Bio-Großhandel, da bewegen wir uns auf dem normalen Biopreis-Niveau. Manche Produkte sind nicht bio, die kommen von regionalen Kleinsterzeugern oder kleinen Manufakturen, für die sich eine Biozertifizierung aus Kostengründen nicht lohnt. Die Produkte vom Großhandel kosten ähnlich wie vergleichbare Bioware von Edeka oder Rewe. Dann gibt es die Manufakturware, die von ganz kleinen Herstellern kommt, die ist preislich auf jeden Fall höher angesiedelt. Das ist kein Massenprodukt, wird im Kleinen, von Hand und aufwändig hergestellt und sowas kostet mehr. Außerdem sind viele Dinge nicht hochindustriell verarbeitet und unter ökologischen und sozialen Aspekten produziert. Bei den Nudeln aus Korntal steckt ein Integrationsprojekt dahinter, bei dem Flüchtlinge in der Produktion eingesetzt werden. Solche Produkte kosten leider mehr als andere, bei denen soziale Aspekte nicht in die Bepreisung mit einfließen. Wenn jemand nicht auf die Umwelt und die Menschen in seiner Produktion achtet, kann er leider günstiger produzieren, als jemand der darauf Rücksicht nimmt – und da stimmt etwas mit unserem Wirtschaftssystem heute nicht mehr. Da geht es auch darum, mitzudenken und zu überlegen. Wenn ich soziale und ökologische Aspekte in der Produktion und sonst überall haben will, muss es auch in den Preis mit einfließen. Es kann nicht sein, dass Produkte teurer sind, wenn ich auf solche Dinge achte, aber wenn ich sie missachte, zahle ich dafür nicht. Das wiederum schadet aber unserer Erde und den Menschen, und die Kosten, die hinterher entstehen sind x-mal höher und langfristiger, denn ich muss die Umwelt wieder reparieren – wenn ich es überhaupt noch kann – ich stürze Menschen, krass ausgedrückt, ins Verderben, weil sie unter schrecklichen Bedingungen produzieren müssen. All das wird heute nicht bepreist. 

Deshalb sind einige Produkte teurer. Im Drogeriebereich ist es die Naturkosmetik, die grundsätzlich teurer ist. Klar, wenn eine große Marke hochindustriell mit billigsten Rohstoffen etwas herstellt, dann kann ich die Zahnpasta für einen Euro die Tube verkaufen. Das haben wir nicht: Das sind ökologische Naturkosmetik-Produkte ohne viel Schnickschnack und Zusatzstoffe und Mikroplastik, also sind sie auch teurer. Manche Dinge relativieren sich auch, zum Beispiel bei Shampoo-Bits: Die kosten neun Euro, was zwei bis drei Shampooflaschen entspricht. Mit dem Discounter-Shampoo kann man nicht mithalten, aber mit einem anderen hochwertigen Shampoo, das auch bio- oder Naturkosmetik-zertifiziert ist, schon.

Einige der Produkte, die in der plastikfreien Drogerie verkauft werden, stammen aus kleinen Manufakturen und sind von Hand gefertigt. Solche Qualität hat auch ihren Preis.

Frag Mutti: Die höheren Preise kommen also zustande, weil die Produkte ganzheitlich – also umwelt- und arbeiterschonend – produziert werden?

Hergen: Ja, und wenn ich etwas Regionales erwarte, sind diese Dinge in der Regel einfach teurer, weil die Arbeitskraft hier auch eine ganz andere ist. Die Kosten, die für den Hersteller hier entstehen sind ja viel, viel höher, als wenn ich meine Produktion in Fernost habe, wo unter ganz anderen Kosten und Bedingungen produziert wird, was Energie, Menschen und Arbeitskraft betrifft.

Jetzt seid ihr dran! Wir wollen von euch wissen: Welche dieser Informationen war für euch total neu und hat euch vielleicht sogar überrascht?  

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