"Bevor man beginnt etwas zu schreiben, sollte man sich ganz klar machen, wer das Geschriebene später lesen wird."

Texte schreiben und Schreibstil verbessern

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In einem Kommentar zu meinem Buchtipp „Schloss aus Glas“ bin ich gefragt worden, ob ich nicht ein paar Tipps zum Schreiben geben könnte. Das hat mich sehr gefreut, zeigt es doch, dass meine Art zu schreiben anscheinend gefällt. Gleichzeitig stellt es mich vor ein Problem: Wie erklärt man einen ebenso individuellen wie kreativen Prozess? Trotzdem will ich versuchen, euch einen Einblick zu geben, was mir geholfen hat, einen eigenen Schreibstil zu entwickeln. Denn darum geht es meiner Meinung nach letztendlich: Den individuellen Ausdruck zu finden.

Lesen als Grundlage

Sobald der Mensch das Lesen gelernt hat, kann er gar nicht mehr anders. Soll heißen: Die Fähigkeit zu Lesen bedingt automatisch einen Lesezwang. Niemand kann sich etwas in seiner Sprache Geschriebenes anschauen, ohne dabei automatisch den Sinn zu erfassen. Das funktioniert selbst unter erschwerten Bedingungen, wie die folgende Zeile beweist:

Sogareinsatzohneleerzeichenkannnochgelesenwerden.

Ich habe mir das Lesen im Alter von vier Jahren mithilfe eines „Bussi-Bär“-Leselernhefts selbst beigebracht. Seitdem, also seit mittlerweile 46 Jahren, lese ich gnadenlos alles, was mir in die Finger kommt. Natürlich ist da gelegentlich auch Schrott dabei, aber das ist auch gut so. Letztendlich ist es dieser Schrott, der einem zeigt: So sollte es nicht gemacht werden. Und der einem ganz nebenher das motivierende Gefühl gibt „Das kann ich aber besser.“ Ich zücke dann den gedanklichen Rotstift, streiche an oder durch, korrigiere, und mache Randnotizen. Im Kopf wohlgemerkt. Durch diese analytische Art zu lesen lernt man, das Gute vom Schlechten zu unterscheiden.

Wenn ich das Buch eines sprachgewaltigen Schriftstellers wie John Irving oder T.C. Boyle lese, kann mich das entweder anspornen oder entmutigen. Ich habe mich für den Ansporn entschieden und sage mir immer „So gut will ich auch werden“ anstelle von „So gut werde ich nie“. Es ist ja nicht so, dass diese großen Autoren über mehr Wörter verfügen als ich. Sie sind nur geschickter darin, sie in die richtige Reihenfolge zu bringen.

Nicht ohne Grund widme ich dem Thema des Lesens hier so viel Raum – Lesen ist die Mutter des Schreibens. Allen, die gerne schreiben und ihren Stil verbessern möchten, kann ich nur empfehlen: Lest so viel ihr könnt.

Die richtige Tonalität

Bevor man beginnt etwas zu schreiben, sollte man sich ganz klar machen, wer das Geschriebene später lesen wird. Ein Brief oder eine Mail an einen guten Freund verlangt einen anderen Stil als ein Geschäftsschreiben oder ein Beitrag bei Frag Mutti. „Hach, das ist aber simpel“, höre ich da gerade ein Raunen durch die Leserschaft gehen. Stimmt, es ist völlig simpel, aber genau deshalb wird es so oft vergessen oder nicht beachtet. Ein potentieller Leser sollte immer das Gefühl haben, dass genau für ihn geschrieben wurde. Daher: Schreibt für eure Leser.

Einfach versus kompliziert

„Keep it simple“, also „Halte es einfach“ lautet eine gängige Formel des journalistischen Schreibens. Warum sollte das nur im Journalismus gelten? Es gibt kurze Sätze, die jeder versteht. Und es gibt Sätze wie diesen, die sowohl in Bezug auf ihre Länge als auch in Hinsicht auf den Schwierigkeitsgrad der darin verwendeten Wörter, die kognitiven Kompetenzen des Lesers, der sich diesen Schachtelsatz-Ungetümen hilflos ausgeliefert sieht, so über die Maßen strapaziert, dass eben dieser Leser das Buch, die Zeitung oder den Brief, eigentlich gerne in die Ecke schmeißen würde, es aber nicht tut, da er ja wissen möchte, was darin steht. Unterschied gemerkt? Philosophen wie Immanuel Kant dürfen so etwas. Alle anderen sollten es besser lassen. Verlangt ein Thema viele lange Sätze, sollten immer wieder kurze Sätze zu „Erholung“ eingebaut werden.

Tipps in aller Kürze

Ich fasse hier ganz knapp die wichtigsten Tipps zum Thema „Guter Schreibstil“ zusammen, die mir in meinem Schreiberleben immer wieder begegnet sind:

  • Schreibroutine entwickeln. Bedeutet: Viel schreiben. Ein Tagebuch zu führen oder eine Brieffreundschaft zu pflegen sind nur zwei von vielen Möglichkeiten, das Schreiben zur täglichen Normalität werden zu lassen. Natürlich kann man auch viele Tipps für Frag Mutti schreiben.
  • Immer wenn möglich das kürzeste und einfachste Wort verwenden. Besser Technik als Technologie und bummeln statt promenieren.
  • Kurze Sätze machen einen Text verständlich und klar. Klarheit ist gut.
  • Anschaulich schreiben. Konkrete Beschreibungen ohne Abstraktion oder Wertung geben dem Leser genügend Raum. Stichworte: sehen, hören, riechen und schmecken.
  • Füllwörter vermeiden. Das fällt mir persönlich schwer, macht einen Text aber klarer. Stichworte: eigentlich, gewissermaßen, irgendwie, jedenfalls etc.
  • Nominalstil vermeiden. In Texten von Behörden und Ämtern wimmelt es von Nomen, also Substantiven (Nominalstil). Stärke erhält ein Text aber durch die in ihm verwendeten (aktiven) Verben und anschauliche Adjektive.
  • Absätze sinnvoll verwenden, um den Text zu strukturieren.
  • Schöne Wörter sammeln. Ich habe immer ein Notizbuch dabei in dem ich mir schöne oder ausgefallene Wörter zur späteren Verwendung notiere.
  • Aktiv ist besser verständlich als passiv. „Ich hebe das Glas“ ist viel eindrücklicher als „Das Glas wird von mir gehoben“.
  • Texte überarbeiten. Wenn die Zeit es zulässt, sollte man einen fertigen Text erst einmal weglegen und ihn am nächsten Tag nochmal lesen und überarbeiten. Es ist sehr hilfreich den Text sich selbst oder jemandem anderen vorzulesen. So bekommt man ein gutes Gefühl für den Lesefluss.

Allen, die sich mit dem Thema näher beschäftigen möchten, empfehle ich das großartige Buch „Das Leben und das Schreiben“ von Stephen King. Ansonsten: Gut Wort, man liest sich…

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14 Kommentare


1
#1
6.9.17, 17:32
Oh Kriss! Das ist aber lieb von dir! Ich freue mich riesig, dass du meiner Bitte nachgekommen  bist. Ich selbst  gehöre auch zu jenen Leuten, die gerne Schachtelsätze bilden. Vielen  lieben  Dank. Wie immer verwendest du einen schönen Schreibstil. Deine Tipps sind plausibel. 👍😘
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#2
6.9.17, 19:04
Ich verstehe diesen Tipp nicht.
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#3
6.9.17, 22:08
@slimfast29: 
Texte schreiben und Schreibstil verbessern!
5
#4
6.9.17, 22:32
@xldeluxe_reloaded: 

Danke Dir für die Erläuterung zu Kommentar #2 - ich hätte es wohl nicht geschafft, mich so kurz zu halten. :-)
3
#5
7.9.17, 07:53
schöne Zusammenstellung👏
Vielleicht noch ein zusätzlicher Tipp gegen die Schreibblockade: einfach mal drauf los schreiben. Nicht jeder Text muss den höchsten Ansprüchen genügen. Große Künstler machen viele kleine Übungen, die sie dann verwerfen, bis dann endlich ein großes Kunstwerk entsteht.
Wenn erst mal ein paar Worte und Sätze geschrieben sind, kann man immer noch daran feilen. (Hier bei FM ist das leider nur sehr begrenzt möglich) Aber man muss auch den Mut haben, nicht perfekte Texte zu präsentieren.😳

Und ... im Team schreibt es sich noch besser. Meine Kollegin und ich schreiben viele Texte gemeinsam. Die eine gibt das Grundgerüst, die andere füllt es aus oder die eine sammelt einzelne Notizen und die andere baut daraus einen zusammenhängenden Text. So kann man sich wunderbar ergänzen und erreicht viel mehr, als man allein geschafft hätte.
#6
7.9.17, 08:26
@Kriss: Du hast nichts falsch gemacht. Manche Leute lesen nicht mal ansatzweise sorgfältig. Schon allein die Überschrift ist selbsterklärend.
1
#7
7.9.17, 12:18
@slimfast29: Wer lesen kann, ist da klar im Vorteil😉
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#8
7.9.17, 16:02
@Kriss: Kurz halten! Das ist das Zauberwort! Schon unser aller großer Dichter Johann Wolfgang von Goethe hat bereits sehr treffend bemerkt: "Getretener Quark wird nur breit und nicht stark!"
2
#9
7.9.17, 17:52
"Sobald der Mensch das Lesen gelernt hat, kann er nicht mehr anders...."
Auch, wenn dieser Satz voll auf mich zutrifft, bezweifle ich, dass er für einen Großteil der jungen Generation steht. Aus beruflicher Erfahrung weiß ich, dass die Freude am Lesen (ich meine damit nicht Straßenschilder und Werbeplakate) bei vielen jungen Leuten sich sehr in Grenzen hält, letztendlich auch immer weniger gefördert und gefordert wird. In vielen Elternhäusern muss man schon über den Hang zum Zweitbuch froh sein, schaut man sich Schulbücher an, so kann man durch die letzten 30 Jahre eine Verarmung des Wortes zugunsten einer Anreicherung von Bildchen feststellen. Die klassische Bildbeschreibung wird in Schulen immer weniger geübt, der Sprachgebrauch (ob mündlich oder schriftlich) verarmt dadurch.  "Lesen bildet", dieser Satz gilt nicht nur für Inhalte des Gelesenen, auch für die Größe des Wortschatzes und die Gewandtheit, mit Sprache umzugehen.
Eine Freundin von mir unterrichtet an einem Gymnasium, Fachbereich Geschichte. In Oberstufenklausuren ist sie verpflichtet, Rechtschreib-, Grammatik- und Ausdrucksfehler zu korrigieren und -ab einer bestimmten Größenordnung- in die Benotung einfließen zu lassen. Schüler reagieren darauf entrüstet mit : "... wir sind doch hier nicht im Deutschunterricht...".
Bis diesen Schülern klar wird, dass Sprache etwas ist, mit dem der Mensch sich sehr detailliert in allen Lebensbereichen artikulieren kann, das dauert ewig (manche kapieren es nie)!  Argument: es gibt ja das Rechtschreibprogramm des PC, das wird´s schon richten.
2
#10
7.9.17, 20:14
Die Freude am Lesen könnte durch das Einfügen von Absätzen und die Einteilung in Abschnitte durchaus gefördert werden. ;-)
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#11
8.9.17, 09:31
@Jeannie: Das ist natürlich immer sinnvoll, aber auf wen war das gemünzt? Kriss hat das konsequent gemacht und keine "wall of text" gehämmert. 

@Kriss: Super Tipps, insbesondere in einer Zeit, in der schriftliche Kommunikation immer einfacher wird und häufig dazu geführt hat, dass die Menschen immer weniger auf Schreibstil achten. Siehe Email (fast schon altmodisch) oder WhatsApp. In meinem Beruf (IT) lassen die Leute auch oft Anrede und Gruß komplett weg - kostet halt ein paar Sekunden mehr.
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#12
8.9.17, 11:34
@Skudder: Das war auf  whirlwind#9 bezogen, keinesfalls auf Kriss.
Sorry, hätte ich dazuschreiben sollen.
#13
11.9.17, 07:51
Guter Tip!
In der heutigen Zeit werden ja auch immer weniger Briefe geschrieben, das ist  sehr schade.
#14
11.9.17, 14:07
@whirlwind: #9
ich gebe Dir so Recht ! Bin viel bei Facebook und wenn ich mir da so manche Kommentare von bestimmt jungen Leuten durchlese , kommt mir regelmäßig das große Grauen . Anderseits , sie können nichts dafür , wenn sie z.B. die "Lautschrift" gelehrt bekommen . Da können sie so schreiben wie sie es hören . Da hat sich die Regierung wohl selber ein Bein gestellt . Stelle mir das gerade in einer Berwerbung vor.......
Wir älteren haben in der Schule noch Grammatik lernen müssen .
Deine Freundin kann mir wirklich leid tun . Sie kennt den Satzaufbau , ihre Schüler ,mit Einschränkungen, vielleicht nicht mehr.
Habe "mit Einschränkungen" in Kommas gestellt , meine damit nicht Menschen mit Behinderungen.
Vielleicht hat sie ja das Glück und einige Schüler lesen auch gerne . Du hast Recht , Lesen bildet wirklich . 

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