Der Lebkuchenmann, der nicht gegessen werden wollte

Links-Oben - das ist doch kein Name! Doch, für einen Lebkuchenmann schon. Sogar ein sehr schöner.
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Weihnachten ist Lebkuchenzeit. Doch was passiert, wenn einer der Lebkuchen einfach keine Lust hat, bis zum letzten Krümel verdrückt zu werden? Links-Oben jedenfalls büxt aus, um sein Glück in der Stadt zu suchen. Doch leider ist er auch dort ganz nach dem Geschmack von gierigen Naschkatzen. Da kann nur noch einer helfen ...

„Das darf ja wohl nicht wahr sein!“ Empört fuchtelte der Lebkuchenmann links oben auf dem Blech mit den Armen. „Habt ihr das gehört? Die wollen uns aufessen!“ Ächzend rappelte er sich auf, bis er schwankend auf dem Blech stand.

„Hallo? Jungs? Jetzt sagt doch auch mal was!“

Doch die anderen Lebkuchenmänner um ihn herum blieben stumm liegen.

„Faule Pfeifen seid ihr!“, schimpfte Links-Oben. „Lasst euch lieber verdrücken als abzuhauen! Aber nicht mit mir!“

Da liegen sie einfach faul rum und ergeben sich in ihr Schicksal. Also wird die faule Bande einfach verputzt.

Steif kletterte er über den Rand des Backblechs und schaute sich um. Als er das gekippte Küchenfenster sah, grinste er. Schon setzte er Lebkuchenbein vor Lebkuchenbein, da tauchte plötzlich ein riesiges, haariges Ding vor ihm auf und leckte sich das Maul.

„MAOOO. Du siehst aber lecker aus“, erklärte das Haarknäuel und rückte ihm schnüffelnd auf die Lebkuchenpelle.

„Das, äh, das … sieht nur so aus“, stotterte Links-Oben hektisch. „Wenn du mich frisst, bekommst du einen krummen Buckel. Und, äh, Haarausfall.“

Die hungrige Fressmaschine machte vor Schreck einen Satz nach hinten. Das nutzte der Lebkuchenmann und schlug vor: „Aber wenn du mich nach draußen bringst, verrate ich dir, wo es etwas zu fressen gibt, das dich noch viel schöner macht.“

„Echt jetzt?“ Das Haarding schaute ihn hoffnungsvoll an.

Links-Oben nickte eifrig.

„Na dann – spring auf!“ Der Haarberg legte sich flach auf den Boden und ließ Links-Oben auf seinen Rücken klettern.

MAOOO! So ein Lebkuchenmann zum Nachtisch - das wäre für das Fellding jetzt genau das Richtige. Zum Glück ist es furchtbar eitel.

„Los geht’s!“ rief der Lebkuchenmann und das Fellteil sauste zur Tür. Es zwängte sich durch eine Klappe und schon ritt Links-Oben ins Freie. Dort war es bereits dunkel.

„Wo gibt’s denn jetzt das Schönheitsfutter?“, wollte der Fellberg wissen, nachdem Links-Oben abgestiegen war.

„Ist doch klar, beim Weihnachtsmann“, gab Links-Oben zurück. „Den findest du am Nordpol. Immer in die Richtung.“ Er zeigte nach Süden.

„Alles klar. Besten Dank!“ Und schon war das eitle Ding verschwunden.

„TSCHIEP! Du siehst aber lecker aus“, erklärte da eine piepsende Stimme hinter Links-Oben.

„Das, äh, das … sieht nur so aus“, stotterte Links-Oben schon wieder hektisch. Vor ihm saß ein Haufen schwarzer Federn mit einem gelben, spitzen Schnabel, der in seine Richtung pickte. „Wenn du mich frisst, fällt dir der Schnabel ab. Und deine Federn werden grau!“

Der hungrige Flattermann machte vor Schreck einen Satz nach hinten. Das nutzte der Lebkuchenmann und schlug vor: „Aber wenn du mich in die nächste Stadt bringst, verrate ich dir, wo es etwas zu fressen gibt, das dich noch viel schöner macht.“

„Echt jetzt?“ Das Federding schaute ihn hoffnungsvoll an.

Links-Oben nickte eifrig.

Als Flugbegleiter ist so ein Federknäuel nur für Kurzstrecken geeignet.

„Na dann – spring auf!“ Der Federberg ließ Links-Oben über seinen Schwanz auf seinen Rücken klettern.

„Los geht’s!“ rief der Lebkuchenmann und das Federteil flatterte los.

Nach ein paar holperigen Fast-Abstürzen und vielen Luftlöchern erreichten die beiden die Stadt. Dort ließ das Federding den seekranken Links-Oben mit weichen Knien hinter einem Kaufhaus auf eine Mülltonne klettern.

„Wo gibt’s denn jetzt das Schönheitsfutter?“, wollte das Flugtier eifrig wissen.

„Ist doch klar, beim Weihnachtsmann“, gab Links-Oben zurück. „Den findest du am Nordpol. Immer in die Richtung.“ Er zeigte nach Süden.

„Alles klar. Besten Dank!“ Und schon war das eitle Ding wie der Blitz verschwunden.

Abseits der hell beleuchteten Straßen ist so eine Großstadt nicht besonders lauschig. Aber man kann dort hin und wieder interessante Begegnungen machen.

„FIEP! Du siehst aber lecker aus“, erklärte da eine pfeifende Stimme hinter Links-Oben.

„Och nö!“ rief der Lebkuchenmann da genervt. Er drehte sich um und stemmte seine Stummel-Arme in die Seiten. „Könnt ihr mich nicht einfach alle mal in Ruhe lassen? Was fehlt dir denn außer Futter?“ Er schaute sein graubraunes Gegenüber mit dem langen Schwanz, den kurzen Beinchen und den Knopfaugen genau an. „Eine Krone und eine goldene Kette, vielleicht? Die bekommst du beim Weihnachtsmann. Den findest du am Nordpol. Immer in die Richtung.“ Er zeigte nach Süden.

Da kicherte der Grau-Braune. „Du bist wohl ein ganz Schlauer, was? Ich glaube doch nicht mehr an den Weihnachtsmann.“

„Echt nicht? Schade“. Links-Oben seufzte. „Und jetzt?“

„Jetzt fresse ich dich“, gab der gierige Kerl zähnefletschend zurück.

Immer hungrig ist das Ding mit den scharfen Zähnen und dem langen Schwanz. Und es glaubt nicht mehr an den Weihnachtsmann - das rächt sich!

Der Lebkuchenmann stöhnte. „Ich hab’s so satt, dass mich alle immer nur verdrücken wollen!“

„Pech“, gab der Graubraune grinsend zurück und riss schon das Maul auf. Da machte es „MAOOO“ und „TSCHIEP“ und nacheinander flogen zuerst ein Haar- und dann ein Federknäuel auf den Langschwanz.

Links-Oben riss erschrocken die Augen auf und starrte zunächst auf den Berg mit seinen verfressenen Feinden und dann nach oben.

„Lass dir bloß nicht nochmal einfallen, mir so dämliche, eitle Schwätzer auf den Hals zu hetzen!“, rief über ihm eine wütende, tiefe Stimme.

Viel erkannte Links-Oben nicht. Nur ein großes Holzding mit Kufen, das von ein paar seltsamen Tieren mit dicken Geweihen durch die Luft gezogen wurde.

Zum Glück arbeiten wenigstens die Rentiere - gut bezahlt - Vollzeit und mit Überstunden. Sonst könnte der arme Weihnachtsmann nicht mal mehr am Weihnachtsabend fliegen.

„Saubande, elende!“, schimpfte von dort oben noch einmal die tiefe Stimme. „Als ob ich nicht schon genug Arbeit hätte!“ Dann schnalzte eine Peitsche und der Schlitten sauste wie der Blitz durch die Luft davon.

Links-Oben schluckte. Und jetzt? Für den Moment war er zwar gerettet. Aber würden sich die drei übereinandergestapelten Dinger nicht gleich auf ihn stürzen? Nein! Jedenfalls noch nicht auf der Stelle. Denn im Moment knurrten, pickten und bissen sie noch aufeinander ein. Gut so!

So schnell es seine kurzen Ärmchen und Beinchen zuließen, kletterte er leise von der Mülltonne und verschwand auf Zehenspitzen.

Traurig lief er durch die Stadt. Warum wollte ihn immer gleich jemand fressen? Er war doch nicht nur ein Lebkuchenmann. Er war auch witzig und freundlich und einfallsreich. Gab es denn wirklich niemanden, der ihn einfach so mochte?

Wenn der letzte Ausweg Steuerbüro heißt, ist es höchste Zeit für ein kleines Wunder. Oder für den Osterhasen.

Plötzlich stand er vor einem Schild „Steuerbüro.“ Boah, klang das langweilig. Vielleicht konnte er sich an einem solchen Ort verstecken, bis Weihnachten vorbei war? Im neuen Jahr wollte ihn sicher niemand mehr verputzen.

Gerade wollte er in den Briefkastenschlitz des Büros klettern, da sagte eine lispelnde Stimme hinter ihm: „An deiner St-elle würde ich dass lassen.“

Links-Oben drehte sich um. „Und wieSSo, äh, wieso?“

„Weil die da drin dich garantiert fressen. Mit Haut und Haaren.“

Links-Oben schaute sein Gegenüber aus zusammengekniffenen Augen an. Ein komischer Kerl war das. Er trug eine Latzhose und einen Rucksack. Seine Vorderzähne standen mächtig weit vor und um sein Gesicht baumelten furchtbar lange Ohren. Allerdings sah er ganz nett aus. Also fragte Links-Oben zurück: „Aha. Und du?“

„Ich esse keine Lebkuchen“, antwortete der Lispelnde. „Außerdem tsahle ich gut.“

Links-Oben wurde neugierig. „Was bezahlst du denn? Und wer bist du überhaupt?“

„Na, kommsst du nicht alleine drauf? Schau dir mal meine Ohren an.“ Er fuhr sich mit den Pfoten stolz über die langen Dinger.

Kein Mensch glaubt an den Osterhasen. Das ist schade, denn er ist ein netter Kerl und zahlt außerdem gut.

Doch Links-Oben zuckte nur die Schultern. „Sorry, keinen Plan.“

Da verdrehte der Langohrige genervt die Augen. „Mensch! Ich bin doch der Ossterhasse!“

„Aha. Tut mir leid. Sagt mir jetzt nichts“, gab Links-Oben entschuldigend zurück.

Der Osterhase stöhnte frustriert und schüttelte den Kopf. „Warum glaubt eigentlich jeder an den Weihnachtssmann und niemand an den Ossterhassen? Naja, egal.“ Er seufzte tief. „Alsso, wass isst jetzt? Willsst du gefressen werden oder hättesst du gerne einen Job mit Persspektive?“

„Äh, schon das Letzte, glaube ich“, gab Links-Oben vorsichtig zurück. „Was heißt das denn, „Perspektive“? Und was für ein Job wäre das?“

Eier bemalen und verstecken - ein cooler Job! Und noch dazu gut bezahlt!

Der Osterhase grinste, winkte ab und sagte: „Na, dass Übliche. Eier bemalen und versstecken und sso. Wenn’ss gut läuft, beschäftige ich dich Volltseit und unbefrisstet. Mindesstlohn mit 13. Gehalt verssteht ssich von sselbsst. Übrigenss wärsst du in besster Gessellschaft. Bei mir arbeiten schon einige geflüchtete Glücksskeksse, jede Menge Ssalzteigmädelss und auch ein paar …“

„Lebkuchenmänner?“ platzte Links-Oben mit weit aufgerissenen Augen heraus?

„Jep.“ Der Hase nickte so zufrieden und heftig, dass seine Ohren wackelten. „Und Lebkuchenmädelss, natürlich. Heieieiei, ich ssag’ss dir.“ Er beugte sich vor und flüsterte: „Rechtss-Unten – dass isst eine gants schön wilde Hummel. Die lässt’s krachen!“ Er kicherte.

„Bei. Dir. Arbeitet. Ein. Lebkuchenmädel. Das. Rechts. Unten. Heißt?“ Links-Oben schnappte vor Aufregung nach Luft.

Rechts-Oben. Ein Name wie ein lauer Sommerabend. Jedenfalls für Links-Unten.

„Ja klar! Ssie war biss vor kurtsem mit Mitte-Mitte zusammen.“ Der Hase winkte ab. „Aber ssie haben ssich getrennt. Der Kerl war einfach tsu eingebildet. Und? Wass isst? Wollen wir?“ Er dreht sich um und zeigte auf den umgeschnallten Korb auf seinem Rücken.

„Aber sowas von!“ Links-Oben kletterte begeistert auf den Osterhasen. Dann fiel ihm noch etwas ein und er bat: „Aber wenn’s gleich losgeht, dann bitte nicht in die Richtung.“ Er zeigte mit schlechtem Gewissen nach Norden. „Da ist gerade der Weihnachtsmann langgeflogen. Der ist nicht gut auf mich zu sprechen.“

„Macht nichtss. Auf mich auch nicht“, gab der Osterhase zurück. „Ich schnappe ihm immer dass Perssonal weg.“ Er schüttelte betrübt den Kopf. „Der Arme. Er ist tsurtseit einfach total gestressst. Alles musss er alleine machen. Die Elfen heutssutage arbeiten nur noch halbtagss und abendss gar nicht mehr. Meisstenss hängen ssie nur faul rum oder schlafen sständig ein.“

Immer Pech mit dem Personal! Nur noch halbtags arbeitet das arbeitsscheue Elfengesindel! Und oft schläft es auch noch am Arbeitsplatz ein!

Links-Oben bekam ein noch viel schlechteres Gewissen. „Und ich schicke ihm auch noch tierische Nervensägen auf den Hals. Echt dumm gelaufen.“

„Weisst du wass?“, fragte da der Hase. „Wenn wir im Ossterland ssind, schreiben wir ihm einen netten Brief. Isst ja total bescheuert, dass alle immer nur etwass von ihm wollen. Wünschen wir unss einfach mal nichtss von ihm – ssondern wünschen sstattdessen IHM frohe Weihnachten.“

„Super Idee.“ Endlich hatte Links-Oben kein ganz so schlechtes Gewissen mehr. Und außerdem konnte er es schon gar nicht mehr abwarten, Rechts-Unten zu treffen.

„Na dann! Loss geht’ss!“ Und gemeinsam hoppelten sie davon Richtung Hasenland.

FROHE WEIHNACHTEN!

Dank Weihnachtsmann und Osterhase bekommt auch ein Lebkuchenmann die Chance, sein Glück zu finden.

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